Mittwoch, 20. Dezember 2006
The air that you breathe
Lisa9 hat mir einen Eintrag gewidmet. Naja eigentlich nicht mir, weil ich ja nicht wirklich Flugbegleiter bin, sondern genau genommen der imaginäre Sandsack für miesgelaunte Passagiere, Kollegen und Cockpits (komm schon Baby, hau mir eine rein! Da steh ich drauf), und auch nicht mir allein, sondern den vielen saftschubsenden Engeln der Lüfte, die jeden Tag im Fall der Fälle für Ihre Sicherheit einstehen. Aus gegebenem Anlaß hat die Zeichnung heute dennoch gepasst wie Arsch auf Klobrille.

[Achtung, Ekelcontent!]

Beim Fliegen habe ich gelernt, dass sich unsere Gesellschaft in wichtige und unwichtige Leute unterteilen lässt. Die wichtigen Leute verhalten sich in der Öffentlichkeit auch so, damit jeder gleich weiß, mit welch wichtiger Persönlichkeit man es zu tun hat. Sie reden ein wenig lauter als andere und fordern auch sonst sehr viel Zuwendung und Aufmerksamkeit, um sich deutlich von den unwichtigen Leuten abzugrenzen, denn unauffällig bedeutet unwichtig. Während ihrer Kindheit haben sie gelernt, dass Schreien und sich strampelnd auf den Boden werfen sehr viel Aufmerksamkeit einbringt. Auch eine volle Windel garantiert die ungeteilte Aufmerksamkeit, denn dann wird einem liebevoll der Hintern abgewischt und wenn man Glück hat, wird man sogar für den gemachten Haufen noch gelobt.

Jetzt ist es aber nicht sonderlich vorteilhaft, wenn man sich den teuren Armanianzug auf rauhem Asphalt ruiniert, und das wohlige Gefühl einer vollgeschissenen Flanellhose ist auch nur von kurzer Dauer. Deswegen haben wichtige Leute im Laufe der Sozialisation ihre erfolgsgarantierenden Mechanismen verfeinert. Wir kennen die mit hervorgetretenen Adern Zeternden, die sich aus banalen Anlässen um ihre Wichtigkeit betrogen fühlen. Ein deutlich subtileres Aufmerksamkeitsvehikel sind sogenannte Pheromone. Die Definition nach Karlson und Lüscher hierfür lautet folgendermaßen: Substanzen, die von einem Individuum nach außen abgegeben werden und bei einem anderen Individuum der gleichen Art spezifische Reaktionen auslösen. Nichts kann einfacher und gleichermaßen anonymer nach außen abgegeben werden als Verdauungsgase. Ihre Abgabe garantiert volle Aufmerksamkeit aller Individuen der unmittelbaren Umgebung und spezifische Reaktionen wie Naserümpfen, Würgereiz und Erstickungsanfälle.

Eine besonders wirkungsvolle Methode seine Mitmenschen an den eigenen Verdauungsvorgängen teilhaben zu lassen, ist, die Türe zur Flugzeugtoilette nach erfolgreicher Entleerung einen Moment länger als nötig geöffnet zu halten oder gar nicht erst zu schließen. Den ultimativen Kick erlebt der Toilettengänger, wenn sich Kabinenmitarbeiter vor den Toiletten zeitgleich der Nahrungsaufnahme widmen. Ich frage mich allen Ernstes, ob solche Menschen tatsächlich glauben, ich könne ihnen den nötigen Respekt entgegenbringen. Und ich weigere mich schlichtweg, Lob für einen Haufen auszusprechen, der zu Demonstrationszwecken nicht mittels Hydraulik dem chemischen Nirvana zugeführt, sondern devotionaliengleich in der Schüssel verweilt. [An dieser Stelle sei angemerkt, dass Flugzeugtoiletten nicht nach dem gleichen Prinzip funktionieren, wie die der Deutschen Bahn, und durchaus auch an Parkpositionen benutzt werden dürfen. Die Mär von gefrorenen Fäkalien, die angeblich mancherorts wie Meteoriten in Vorgärten einschlugen, zu dementieren, erübrigt sich hiermit.]

[Ekelcontent Ende]

Noch etwas habe ich im Laufe meines fliegerischen Daseins gelernt: die wirklich Wichtigen sind durchweg unauffällige und zuvorkommende Mitmenschen.
Da weiß man, was man hat. Guten Abend.

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Sonntag, 17. Dezember 2006
We wish you a merry christmas (3)


Diesmal ein ganz ehrlicher Geschenketipp:
Santaland diaries von David Sedaris
(fast identischer Inhalt wie Holidays on ice vom selben Autor, das Cover ist aber eindeutig besser).

Wie gutmütige Gesellen und herzallerliebste Kinder in der Weihnachtszeit zu bösartigen Bestien mutieren. Ich hab mich jedenfalls gut amüsiert.

Kleine Kostprobe für Sedarisfans und die, die es noch werden wollen:
6 to 8 black men gelesen vom Autor.

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Gute Reise
Auch heute steht sie vor dem kleinen Laden und betrachtet die Bilder in der Auslage. Es sind Bilder vom Meer, von Palmen und Sonne. Immer wenn sie zum Bäcker geht, um sich ein halbes Brot für die nächste Woche zu holen, kommt sie an dem kleinen Reiseladen vorbei. Mit dem aufgeschnittenen Brot in der Tasche bleibt sie dann vor der Scheibe stehen. Was sie auf den Bildern sieht, ist so ganz anders, als das, was sie kennt. Vor vielen Jahren ist sie mit ihrem Mann verreist. Sie waren gemeinsam in den Alpen und am Mondsee. Einmal sind sie mit dem Zug bis zur Küste gefahren. Dort hat sie das Meer gesehen. Es sah aber nicht aus wie auf den bunten Bildern in der Auslage. Als der Mann gestorben war, wollte sie nicht mehr wegfahren. Der Sohn hat sie an Weihnachten immer eingeladen. Und auch die Schwester lag ihr in den Ohren. Es sei doch mit dem Zug nicht weit. Dabei lag zwischen ihnen sogar eine Landesgrenze. Sie hatte vergessen, wo sie ihren Pass hingeräumt hat. Den brauchte sie nicht mehr, seit der Mann gestorben war. So antwortete sie nur, sie würde lieber daheim bleiben.

Am Muttertag oder an Ostern kommt meist der Sohn zu Besuch. Sie weiß, dass er schnell ungeduldig wird. Deswegen hängt sie schon am Vortag den Mantel und den Hut an die Garderobe und stellt die Schuhe dazu. Wenn sie den Schlüssel nicht gleich findet, schimpft er mit ihr. Darum legt sie den Schlüssel neben die Handtasche. Er schimpft auch wegen der Krümel auf dem Teppich. Wenn sie die Wohnung nicht sauber halten könne, brauche sie eben eine Putzfrau. Als ob sie nicht putzen könnte. Damals als sie mit ihm schwanger war, hat sie bei fremden Herrschaften geputzt. Der Mann hat nicht genug für drei verdient und sie brauchten jede Mark. Dem Sohn sagt sie das nicht. Auch nicht, dass die Augen immer schwächer werden. Sie schämt sich, dass sie die Krümel übersehen hat. Dabei will sie ihm doch zeigen, dass sie gut alleine zurecht kommt. Er hat eine eigene Familie, um die er sich kümmern muss und eine anstrengende Arbeit. Da will sie ihm keine zusätzlichen Sorgen machen.

Viel braucht sie nicht zum Leben. Die kleine Rente reicht für die Wohnung und das Nötigste. Sonntags zieht sie ein schönes Kleid an, setzt den Hut auf und geht in den Park. So haben sie es immer gemacht, als der Mann noch lebte. Danach geht sie, wie jeden Tag, zum Grab und zupft das Gras zwischen den Sträuchern. Im Herbst stellt sie ein kleines Licht vor den Grabstein. Damit er es ein wenig heller hat. Ist dunkel genug da drunten. Einmal in der Woche hat sie frische Blumen dabei. Die tauscht sie gegen die verwelkten in der grünen Vase aus und schüttet frisches Wasser aus einer Friedhofskanne hinein. Eine Weile spricht sie mit ihm, erzählt ihm vom Sohn. Wie stolz er wäre, wenn er ihn sehen könnte. Wie er sie mit dem großen neuen Auto abgeholt hat und sie in einem feinen Restaurant gegessen haben. Der Sohn verdient gutes Geld. Sie will sich nicht beklagen, nur er, der Mann, fehle ihr halt ein wenig. Dann streicht sie energisch die Träne von der Wange, sagt schnell auf Wiedersehen und macht sich auf den Weg. Von dem Reiseladen erzählt sie nichts. Am Ende hält er sie noch für undankbar.

Sorgfältig hat sie die Angebote studiert und sich schließlich entschieden. Die Dame im Laden war sehr freundlich. Natürlich bräuchte sie einen gültigen Reisepass. Ihre Wangen glühen, als sie daran denkt, wie sie ihn zwischen all den alten Briefen fand, ihn in die Handtasche steckte und damit zu dem kleinen Laden marschiert ist. Dem Sohn wird sie nichts davon erzählen und auch nicht dem Mann. Am Ende halten die sie noch für verrückt. Ein wenig verrückt ist es schon, was sie plant. Wenn sie sich vorstellt, wie sie zwischen den großen Palmen herumspaziert, fühlt sie sich fast wieder wie ein junges Mädchen. Sie wird endlich einmal den Ort sehen, den sie nur von den Bildern in der Auslage kennt. Manchmal schickt der Sohn Postkarten mit ähnlichen Bildern. Auf der Rückseite steht, dass es sehr warm sei, dort wo er gerade sei, und dass die Sonne jeden Tag scheine. Sie hat in den Jahren ein wenig Geld gespart. Ihre Hände zitterten, als sie es vor sich auf den Tisch legte, um die Reise zu bezahlen. Der Koffer war über die Jahre auf dem Schrank eingestaubt. Jetzt steht er sauber und gepackt im Flur. Die Schlüssel liegen neben der Handtasche. Sie schlüpft in den Mantel, setzt den Hut auf und geht zum Sessel. Das Taxi wird bald da sein.

Sie hat die Nachbarin gebeten, die Blumen zu gießen und nach dem Rechten zu sehen. Die Nachbarin dreht den Schlüssel im Schloss. Die Türe öffnet sich. Im Flur steht ein Koffer. Als sie das Zimmer betritt, sitzt die alte Dame mit Mantel und Hut im Sessel, den Kopf auf die Brust gesunken, als ob sie nur kurz eingenickt sei. Die Hand im Schoß hält ein Flugticket nach Mexiko.

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Donnerstag, 14. Dezember 2006
We wish you a merry christmas (2)
Noch rechtzeitig zum Fest hier ein zweiter Geschenkevorschlag:

Passend zur Jahreszeit die original Rudi Knabl Klingeltöne. Das Geschenk für jung und alt. Lässt garantiert jedes Handy erzithern.

[Töne nur solange Vorrat reicht]

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Mittwoch, 13. Dezember 2006
Sing Hallelujah
Seit ich denken kann, ist Weihnachten mit einer Art Melancholie belastet, die mir zu verscheuchen nie gelang. Mag sein, das kommt von einer besonders leutseligen Gemütsverfassung, die Weihnachten ja gemeinhin hervorruft. Mag sein, mein Herz erinnert sich an die vielen dunklen Tage, die wir zitternd vor Angst oder im Streit verbrachten. Doch da gab es auch andere vorweihnachtliche Momente. Die nämlich, an denen mir meine Mutter bayerische Lieder beibrachte, die wir dann gemeinsam sangen. An zwei erinnere ich mich noch - wenn auch mit Gedächtnislücken:

Es wird scho glei dumpa,
Es wird scho glei Nacht.
Drum kimm i zu dir her,
Mein Heiland, auf d'Wacht.

Fortsetzung hier. Gefunden von Gitana

Es hod se scho aufdoa des himmlische Tor,
de Engalan de gagalan ganz haufenweis hervor,
de Engalan de gagalan, de macha Purzigagalan,
boid auffi, boid owi, boid hin und boid her,
boid üba se, boid untase, es gfreid se umso mehr.
Halleluja...


Als meine musikalische Fortbildung gedieh und mir das Lesen von Noten keine Mühe mehr bereitete, glaubte ich, aus der Not des alljährlichen "spiel doch mal was vor" eine Tugend machen zu können, indem ich meine Rudimentärfamilie in die Geheimnisse des mehrstimmigen Singens einzuweisen versuchte. Bis zu diesem Zeitpunkt sangen alle mit Inbrunst, doch nicht immer in der vorgesehenen Tonlage.

Zunächst analysierte ich das gegebene Stimmmaterial. Da war meine Mutter, deren Laienstimme zwar keinen besonders großen Umfang aufwies, die jedoch in Wort und Klang sehr sicher schien. Ihre Mutter wiederum konnte mühelos auch noch dritte und vierte Textstrophen wiedergeben, driftete aber stimmlich schnell in die untere Lage ab, was zur Folge hatte, dass sie die Melodie als ostinaten Bass interpretierte. Der angeheirateten Großmutters Text wiederum wies erhebliche Gedächtnislücken auf, wobei sie mit glockenklarer Stimme auch noch höchste Höhen erreichte und so aller Anwesenden Hämmerchen und Ambosse in teils schmerzliche Schwingung versetzte, denn auch ihre Liedinterpretation war eine ganz eigene, ganz zu schweigen von der angeheirateten männlichen Fraktion, die sich äusserst mürrisch sowohl in Text, als auch Ton zunehmend vergriffen.

Mir oblag das Anstimmen eines jeden Liedes, wobei ich den Tonumfang genau zu beachten hatte. Stimmte ich ein Lied zu hoch an, bedeutete dies den Verlust von textsicheren Stimmen und zwei einsame Streiter in den oberen Etagen, die in gängigen Platzhaltern wie lalala oder handelsüblichen Vokalen intonierten. Wurde das Lied von mir zur Freude des ostinaten Basses zu tief angesetzt, verloren die Worte jegliche Ähnlichkeit mit ansonsten bekannten Weihnachtsliedern. Mit Schrecken denke ich an die entsprungene Ros, die oft in musikalisch unendlichen Tiefen versank, ebenso wie der See in den Kehlen erstarrte, wo noch kurz zuvor der Schnee leise niederrieselte. Eine ganz eigene Herausforderung war die Tochter Zions, die recht einsam jauchzte und deren Friedensfürst gleichzeitig manchmal an Ivan Rebroff erinnerte. Triviale Vorschläge wie die Lieder über kommende Kinderlein und grüne Tannenbäume wurden sofort abgeschmettert. Nein, man wollte anspruchsvollere Texte singen. Ein heikles Unterfangen also, dessen Tragweite gelegentlich mehrmaliges Unterbrechen im Verlauf der musikalischen Darbietung erforderte.

Unterbrechungen waren auch zwischen den Strophen nicht unüblich. Nach so gut wie jeder Strophe stellten der angeheiratete Freund meiner und der ihrer Mutter abwechselnd einen Antrag auf Öffnen des Geschenkematerials, was von meiner Mutter entweder mit strafendem Blick kommentiert oder aber lautstark abgewiesen wurde. Nein, es mussten schon mindestens vier Lieder mit jeweils drei Strophen sein, bevor man sich die Geschenke verdient hätte. Obgleich die teilweise katastrophale Darbietung eine Belohnung nicht zwingend rechtfertigte, war mir das gemeinsame Singen immer wichtiger als jegliche Geschenke oder das darauffolgende Essen. Eine Minderheitsregierung tut sich jedoch schwer in der Durchsetzung und so wurde das gemeinschaftliche Singen alsbald zugunsten der Gaben unter dem Baum eingestellt, nicht ohne jedoch zu versprechen, sich nächstes Jahr besser vorzubereiten.

Zu diesem Zwecke kopierte meine Mutter im nächsten Jahr Texte bereits im November und verteilte sie an die Verwandtschaft, die nun selbige auswendig lernen sollten. Eine Woche vor Weihnachten probte ich mit meiner Mutter das zweistimmige Singen einschlägiger Weihnachtslieder und es funktionierte mit Unterstützung eines Tasteninstrumentes einigermaßen gut. An Heiligabend sollte die Premiere stattfinden, der wir entgegenfieberten. Alles fing harmlos wie immer an. Einer schlug ein Lied vor, ich stimmte es an und die Verwandtschaft fiel mit ein. Nach den ersten Takten überließ ich die Führung der Hauptstimme meiner Mutter und stimmte leise in Terz- und Quartabstand eine zweite Melodie an. Sogleich kam die Hauptmelodie gefährlich ins Wanken. Mutter verlor die Grundharmonie und fuhr Slalom zwischen Dominante und etwas, das nach stark vermindertem und Subdominantquintsextakkord klang. Ein Trugschluß war nicht nur die Annahme, sie könne alleine die Melodie führen, sondern auch auf die Unterstützung der anderen zu hoffen. Sobald keine starke Stimme mehr die Führung übernahm, brach musikalische Anarchie unter den Sängern aus. Jeder sang in einer beliebigen Tonart, bis nach und nach alle verstummten und sich verwundert ansahen. Ich hatte vergessen, dass das Klavier bei den Proben einen nicht minderen Anteil an der Führungsrolle hatte. Da das Instrument in meinem Zimmer stand, der Weihnachtsbaum aber im Zimmer am anderen Ende des Flures, erklärte ich das Experiment mehrstimmiges Singen von Weihnachtsliedern mit einer musikalisch ungebildeten Rudimentärfamilie für gescheitert und schlug sofortiges Entfernen aller Verpackungsmaterialien von den unter dem Baum liegenden Kartons vor. Nach zwei weiteren, von Mutter eingeforderten, katastrophalen Versuchen fügte auch sie sich dem Wunsch der Mehrheit, nicht ohne mir das Versprechen abzunehmen, dieses Protokoll des Scheiterns nie zur Belustigung von Freunden und Bekannten preiszugeben.

In den folgenden Jahren entkam ich durch Flucht in die Arbeit den musikalischen Darbietungen meiner Familie, doch kein Weihnachtsoratorium, das ich gegen Entlohnung anstimmte, und kein Ort der Welt konnten mir das geben, was einst meine Mutter mir mit dem ersten Erlernen bayerischer Weihnachtslieder gegeben hat. Der Verlust der Lieder bedeutet gleichzeitig ein Verlust von Kindheit. Das damit verbundene Gefühl von Geborgenheit und Familie konnte auch durch oben beschriebene alljährliche Bemühungen nie mehr erreicht werden.

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Montag, 11. Dezember 2006
Don't cha wish your music was hot like mine?
Seit Wochen wimmert Christina durch das gesamte Tanzstudio, dass ihr irgendwas wahnsinnig leid tue. Gelegentlich wird sie von Timberlakes sexy Rückenproblemen unterbrochen, manchmal auch von der Frage, ob der ein oder andere Hörer nicht doch lieber eine so warme Freundin wie die Miezekatzenpuppen hätte. Nicht nur die Außentemperatur, auch meine Laune tendiert gegen Null. Die drei Retortenmädchen schämen sich wohl auch noch bis ins neue Jahr, der Mannheimer Muezzin ruft zur Vernunft und Madonna hüpft fröhlich durch die Musiksender aber hoffentlich nicht in meine Hüpfburg. Wenn ich mir alle Alternativen so anhöre, ist der kleine Emporkömmling des Miniknabenchors 'nSync nicht mal die schlechteste. Zumindest solange nicht einer demnächst nen 80er Song mit einer netten Rhythmusgruppe koppelt, und nein, die Welt braucht kein neues Cover von Last christmas.

Wenn ihr wählen könntet zwischen dem hier und dem, lieber Original oder Coverversion?

 
52.38% (11 Stimmen)
Die Jungs von Soft Cell sind unschlagbar

 
4.76% (1 Stimme)
Die Pussies sind um Welten besser

 
14.29% (3 Stimmen)
Ich bin taub und gucke gerne halbnackte Mädels

 
28.57% (6 Stimmen)
Nur Volksmusik ist wahre Musik

Insgesamt: 100% (21 Stimmen)

Angelegt von frau klugscheisser am 11. Dezember, 21:24.
Diese Abstimmung wurde am 17. Dezember, 13:34 beendet.


Oder kennt jemand die ultimative Tanzmukke mit intellektuellem Anspruch geiler Basedrum für geplagte Hupfdohlen?

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Who cares (8)
Das seelische Immunsystem stärken:
Einen Vorrat an Ohrenschmalz anlegen und viel Vitamin B.

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Freitag, 8. Dezember 2006
A touch of sense and sensibility
Man kennt diesen Begriff, er wird oft und gerne umgangssprachlich benutzt und doch finde ich keine fundierten Informationen darüber. Unter einer Künstlerseele versteht man gemeinhin gesteigertes Einfühlungsvermögen, Sensibilität, emotionales Erfassen tiefgründiger Zusammenhänge und deren Verarbeitung in Schrift, Bild oder Musik. Man spricht von Künstlerseelen im Zusammenhang mit Meisterwerken, von Menschenhand erschaffener Göttlichkeit. Man sagt Künstlerseele und meint damit innerlich zerrissene Menschen, Suchende, die psychisch labil, sich im Leben nicht zurechtfinden und ihm gegebenenfalls schließlich ein Ende setzen. Fast scheint mir der Begriff ein wenig überstrapaziert, eine Art posthume Glorifizierung, ein idealisierender Erklärungsversuch für etwas, das im Grunde jeder mehr oder weniger schon erfahren hat.

Woher kommt dieser Begriff? Stammt er aus der Epoche der Romantik? Während die Nachwelt Berühmtheiten wie etwa Vincent van Gogh, Klaus Mann, oder Kurt Cobain als Künstlerseelen darstellt, spricht man über unzählige Anonyme als Depressive, Borderliner oder Schizophrene. Eine Künstlerseele muss schon in Vorleistung gehen, um als solche bezeichnet zu werden, obwohl die Voraussetzungen beider Gruppen sich durchaus gleichen. Was aber, wenn die tiefsinnige Seele nicht mit Worten, Farben oder Klängen umzugehen gelernt hat, was wenn sie keine der gängigen Ausdrucksformen als die ihre bezeichnet? Ist sie dann des Künstlers unwürdig? Komm mir jetzt keiner mit dem oft [falsch] zitierten Beuys, wonach jeder ein Künstler sei [wahlweise Bob Ross]. Ist nicht jeder halbwegs intelligente und einfühlsame Mensch ab und zu innerlich zerrissen? Oder fördert eine an der Spitze der Bedürfnispyramide angekommene Gesellschaft, deren Sucht nach Selbstausdruck durch die narzisstische Peitsche des Machbarkeitswahnes krankhaft getrieben wird, die innere Zerrissenheit? Kurz: ist es der Mensch selbst oder die Möglichkeiten, die ihn zu einem Suchenden machen?

Sowohl äußere Einflüsse, als auch innere Voraussetzungen mögen hierbei eine Rolle spielen. Doch bezweifle ich eine eindeutige Zuordnung des Begriffes und dessen Exklusivität im Bezug auf eine Berufsgruppe. Und wer will schlussendlich Kunst definieren?

Gedankenfortspinnung in den Kommentaren, sowie aufschlußreiche Links zum Begriff (Definition, Geschichte, Wissenschaft) werden ausdrücklich erbeten.

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Dienstag, 5. Dezember 2006
Sao Paulo - my life is just one big cliché (2)
Wie bereits hier vermutet, bis jetzt keine Spur von Bildern. Eher entdecke ich wohl den von offizieller Seite beglaubigten Stammbaum des Weihnachtsmannes, der den Osterhasen als seinen Cousin verzeichnet, als Bilder von den lieben Kollegen im Post-/Mailfach.

Vom Hotel geht es im Taxi direkt durch die Stadt. Ich hätte gerne direkt in die Innenstadt geschrieben, doch Sao Paulo besitzt keine solche. Schon beim Anflug konnte ich aus dem Cockpitfenster eine gewisse Ähnlichkeit mit L.A. feststellen, zumindest was die Fläche betrifft. Überhaupt ist der Anflug eine spannende Sache. Das Flugzeug heischt wie ein quengelndes Kind mit aufdringlichen Warnsignalen nach der Aufmerksamkeit seiner Führer. Dann taucht es in die niedrige Wolkendecke ein, die den Blick auf knapp überflogene Berge verdeckt. Nur auf den Instrumenten ist die Umgebung noch erfassbar. Alles kein Problem, denn was sind schon diese lächerlichen Hügel gegen den alten Flughafen Hongkongs, wo von so manchem Fahrwerk nach der Landung Wäschestücke aus umliegenden Wohnungen entfernt werden mussten.

Auf der Schnellstraße - oder das, was sich hier so nennt - ziehen an uns ganze Viertel bestehend aus verfallenen Bretterbuden, die sogenannten Favelas, vorbei. Selbst Abenteuerlustige möchten hier nicht zwingend nachts eine Autopanne erleben. Im Stadtverkehr scheint es üblich, die kurzen Ampelphasen und den daraus resultierenden Rückstau zu umgehen, indem man zum Abbiegen die Durchfahrt der an jeder Ecke liegenden Tankstellen nutzt. Man will schließlich ans Fahrtziel gelangen. Unser Ziel ist an diesem Tag der Rodeo Drive Sao Paulos, wo wir zu Fuß an Schaufenstern der Nobelläden vorbeiflanieren. Windowshopping ist hier ein wenig umständlich, denn man muss schon den Blick auf den Boden richten, will man nicht plötzlich wie unser Stadtführer bis zur Brust in einem Loch auf dem Gehweg verschwinden. Dabei hält er nach wie vor sein Handy am Ohr und führt das Gespräch gelassen eine Etage tiefer weiter, bis wir ihm zur Hilfe eilen. Eine Freundin will ihm und uns ihre zwei Autos für den Nachmittag überlassen. Wer sich in Sao Paulo keinen Hubschrauber leisten kann, der nennt zumindest ein Auto mit Fahrer sein eigen. Wozu dieser Fahrer gut sein soll, bleibt mir allerdings den ganzen Tag verborgen, denn der kennt sich nicht besser als wir aus. So kreisen wir mehrere Male im selben Viertel, bevor wir das berühmte Café finden, in dem sich Schokolade so dickflüssig auf dem Tassenboden sammelt, dass der Löffel darin steckenbleibt. Von Kaffee haben die Brasilianer wirklich Ahnung, das muss man ihnen lassen. Vom Autofahren weniger.

Wir sind schon einige Stunden unterwegs, wohlgemerkt die meiste Zeit im Auto, bevor wir endlich wieder im Hotel ankommen. Gesehen haben wir neben dem Rodeo Drive, dem Fakemarkt, der Markthalle, einem Park und der Wohnung von Marcos Freundin nicht viel. Wahrscheinlich gibt es hier keine touristischen Sehenswürdigkeiten, so meine Vermutung. Immerhin war der Nachmittag durch Marco und die Kollegen recht kurzweilig. Das wichtigste Ereignis steht jedoch kurz bevor: wir gehen Essen.

Südamerika ist kein Land für Vegetarier. Selbst der Rinderwahn hält keinen davon ab, sich Fleisch einzuverleiben. Der Tisch für 14 Personen im Fogo de Chao [wie krieg ich jetzt das ~ auf das a?] ist bestellt, die Crew in den Startlöchern. The Gaucho way of preparing meat, wie auf der Webseite angekündigt, ist Programm. Kellner in folkloristischer Tracht rennen mit Fleischspießen und scharfgewetzten Messern zwischen den Tischen umher und schneiden das Fleisch dem Gast direkt auf den Teller, vorrausgesetzt das Schild daneben liegt auf der "sim por favor" lSeite.

Nach den ersten Gängen drehe ich das Schild schnell auf "nao obrigado", denn so zahlreich wie die Kellner meinen Teller passieren, komme ich mit dem Kauen nicht hinterher. Selbst als der Magen wegen Überfüllung geschlossen meldet, kann ich nur schwer widerstehen. Noch nirgends habe ich schmackhafteres Fleisch gegessen als hier. Das große Fressen neigt sich dem Ende zu und ich hänge erschöpft im Stuhl. Zwischen zwei Bäuerchen beobachte ich argwöhnisch, ob nicht doch einem der Kellner mal versehentlich das Messer ausrutscht und in des Gastes Tenderloin steckenbleibt. Die meisten Gäste des Etablissements essen nicht nur Fleisch, sie tragen es auch in großen Mengen um die Hüften.

Es wäre ein Leichtes, sich schwer vom Essen in sein Bett sinken zu lassen, doch meine Kollegen haben bereits den nächsten Programmpunkt geplant. Man will sich in die Schwulenszene Sao Paulos begeben und ich darf mir selbstverständlich die zahlreichen, und wie ich hörte, unvergleichlich schönen Männer nicht entgehen lassen. Unerreichbar für mich aber jetzt sind die Augen mit Essen dran. Wieder besteigen wir ein Taxi, Marco erklärt dem Fahrer kurz unser Ziel und wir sind on the road again. Homosexualität ist in einem erzkatholischen Land wie Brasilien so verpöhnt, wie in Baden-Württemberg am Weltspartag Geld auszugeben. Dementsprechend schwierig gestaltet sich die Suche nach einer geeigneten Lokalität. Der Taxifahrer ist katholisch ratlos, nachdem wir im entsprechenden Viertel nicht fündig werden. Es ist Montag und zudem noch vor 1.00 Uhr. Nach einer halben Stunde Kreisfahrt schlage ich vor, die schönen Männer auf eine andere Gelegenheit zu verschieben und lieber in der Hotelbar einen Absacker zu trinken. Wieder einmal haben wir viel Zeit in einem Taxi zugebracht. Überhaupt bin ich noch nie so viel und lange Auto gefahren wie in Sao Paulo. Aufgrund der dortigen Verkehrssituation sollte der Heilige Paulus neben Matten- und Korbflechtern unbedingt Automechaniker und Straßenbauer in sein Schutzprogramm aufnehmen. Vielleicht fällt die Stadt aber eher in den Zuständigkeitsbereich des Apostels Paulus, der bekanntlich ständig unterwegs war. So genau kenne ich mich da nicht aus. Den Weg zum Hotel habe ich aber bis jetzt immer gefunden.

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Sonntag, 3. Dezember 2006
Wenn du schmollst und traurig bist
Wenn sich deine Pupillen in der Dunkelheit verengen, weil du in einen kleinen Lichtstrahl blickst.
Wenn du auf Fahrtwind hoffst und dein Boot vom Gegenwind in die falsche Richtung geschoben wird.
Wenn deine Ohren vom Motorenlärm taub sind und du die leisen Stimmen nicht mehr hörst.
Wenn deine Hände statt an das rettende Tau ins Leere greifen.
Wenn die Strudel im Kopf nach unten ziehen und du vom Strampeln müde geworden bist.
Wenn du den Duft des Lebens nicht mehr wahrnimmst, weil deine Nase tief in der Scheiße steckt.
Wenn du den Mund offnest, um nach Hilfe zu rufen und deine Stimme versagt.
Wenn du die Steinschleuder nicht mehr findest, die die einzige Chance gegen Goliath bedeutet.
Wenn auf dem Weg keine Abzweigung mehr eine Wahlmöglichkeit lässt.

Was ist dann? Ich weiß es nicht. Ich kann dir nicht sagen, was du tun sollst. Ich kann dir keine neuen Wege eröffnen, noch die Steine aufsammeln. Ich kann dich nicht zwingen, deine Augen auf die guten Dinge zu richten. Ich kann dir keine Hoffnung geben. Ich kann die Reise nicht für dich antreten. Alles was ich kann, ist dir sagen, dass es immer weitergeht, jedoch nicht wie, nicht ob gut oder schlecht. Das ist die Grausamkeit des Lebens, dass jeder von uns sich dieser Zufälligkeit alleine stellen muss. Nur denke daran, welcher Stolz dich erfüllt, wenn du es ganz alleine geschafft hast. Jeden einzelnen Tag. Immer und immer wieder.

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Dienstag, 21. November 2006
Ain't no sunshine when she's gone
Es war einer dieser typischen Novembertage. Der erste Schnee sollte nur eine Woche später fallen. Heute vor fast fünfundzwanzig Jahren ist sie gestorben. Sie war alles, was ich jemals hatte, mein Trost, mein Halt, meine Familie, meine Heimat. Damals wusste ich, ich wäre von nun an allein auf mich gestellt. Dieses Gefühl trage ich seit dieser Zeit in mir. Manchmal wiegt es so schwer, dass meine Beine nachgeben.

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Montag, 20. November 2006
Who cares (7)
Den ganzen Tag erfolglos versuchen wach zu werden, nur um dann nachts nicht schlafen zu können.

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