Freitag, 21. Juli 2006
Heute schon gegrönert*?
*grönern: abgeleitet von der Erfinderin Anke Gröner. Genau genommen habe ich nicht gegrönert aber Begriffe verändern sich ja im Laufe der Zeit. So könnte man die Definition erweitern in: Bloggen über eine Sportart, die man derzeit nicht besonders gut beherrscht. Dann stimmt´s wieder.

Heute - wie jeden morgen - mit dem Vorsatz aufgewacht, mein Leben zu ändern. Vor zwei/drei Wochen war das schon mal der Fall, da konnte ich den Gedanken wieder erfolgreich verdrängen. Die Aussentemperaturen boten mir eine Ausredensteilvorlage. Immerhin hab ich mich bereits im Internet über diverse Tanzschulen in meiner Nähe informiert. Um meine Glaubwürdigkeit nicht vollends zu verlieren (die Tuss im Spiegel hat bereits gequengelt), hab ich den heutigen Tag dafür in meinem Kalender fixiert. Und dann musste ich nur noch Nägel mit Köpfen machen, sprich hingehen.

Was soll ich sagen? Ich hab immer noch vor lauter Anstrengung eine rote Rübe. Aus meinen Klamotten kann ich pures Wasser gewinnen. Da soll noch einer behaupten, Tanzen wäre kein Sport. Und eigentlich konnte ich es mal recht gut. Nach sieben Jahren Pause sind aber nicht nur Sehnen und Gelenke ziemlich eingerostet, sondern auch der Kopf. Die muntere Hausfrauentruppe, die ich zunächst mal ganz locker in die Tasche stecken wollte, hat mich hinterher sehr nett getröstet. Mist! Alles verlernt, keine Übung, Figuren müssen erst aus den tiefsten Tiefen meines Zellgedächtnisses gekramt werden. Und das mit dem schnellen Kopieren von Schrittfolgen will auch nicht mehr klappen.
Mein Kopf sagt: Hey, kein Grund aufzugeben! Jeder Tänzer hat sein ganz eigenes Repertoire an Schrittfolgen, die er immer wieder einbaut. Wenn Du Dich erst an diese Eigenheiten gewöhnt hast, geht alles viel schneller. Ausserdem musst Du geduldig mit Dir sein, nicht alles sofort können wollen. Gib Dir Zeit. Du wirst sehen, in ein paar Wochen sieht das schon ganz anders aus.
Mein Bauch sagt: BUÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄH!!!!

Schließlich gebe ich tatsächlich auf. Zum Glück ist die Stunde da auch zu Ende. Und ich? Ich bin erschöpft aber glücklich. Endlich wieder Bewegung, endlich wieder ausgepowert sein und dennoch immer weiter machen wollen. Ich bleibe dran.

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Donnerstag, 20. Juli 2006
Nachtrag Kocherlball


Morgens um 5.00 aufstehen ist nicht schwer, vorrausgesetzt man muss nicht. Ich bin bereits gegen 3.00 wach und nutze die kühle Nachtluft zum Bügeln. Auf dem Weg zum Englischen Garten nur einige verlorene Gestalten, manche in Trachten, manche nur grundlos blau. Das Streetlife Festival hat auf der Ludwigstraße seine Spuren hinterlassen, Pappbecher, Flaschenscherben, verdaute Essensreste überall um den Geschwister-Scholl-Brunnen. Meine Begleiterin findet zufällig vier langstielige Rosen für den Balkon, wie sie sagt. Zuerst bin ich mißtrauisch, ob das nicht piekst. Um den Chinesischen Turm bereits eine große Menschenansammlung. Ich stelle mich in die Schlange für den Kaffeeautomaten. Ein alkoholisierter Jüngling in Lederhose fällt mir fast in den Auschnitt. Das ist ja mal eine sehr schöne Dekoration kommentiert er die Rosen. Und nach einer Weile kontemplativen Starrens zwischen meine Brüste sehr schön...Wissen Sie, lallt er weiter normalerweise steh ich ja auf Männer aber das hier (deutet auf die Rosen) ist sehr schön. Ich bin erleichtert und gleichzeitig irritiert. Ist das am Ende nur ein billiger Anmachtrick?

Als die Musik losgeht [Ampertaler Kirtamusi, Bolzwanger Geigenmusi klingt innerborische Grenzen überschreitend, so cross over the Chiemsee] ziehen die Tanzpaare an uns vorbei. Viele in Trachten, oft jedoch nur eine stadtangepasste Fusionvariante der Originale. Wir trinken erst mal in Ruhe Kaffee. Später ist kaum noch Durchkommen zur Tanzfläche. Diese Veranstaltung scheint schon lange kein Geheimtipp mehr zu sein, weswegen sich Menschentrauben dicht um und auf der Tanzfläche scharen. Diesmal verzichte ich auf Tanzen, nicht ohne eine kleine Wehmutsträne zu vergießen. Um 7.00 gelangen erste Sonnenstrahlen über die hohen Baumwipfel und wärmen die Nachtschwärmer. Es ist sakrisch kalt, wenn der Kreislauf noch schwächelt. Und gegen 8.00 fahre ich heim, um vor Dienstbeginn noch zwei Stunden Schlaf zu bekommen.

Nächstes Jahr gerne wieder. Dann aber unangekündigt. Kommt eh keiner in meinem Bekanntenkreis so früh aus dem Bett. Ihr Waschlappen, Schwächlinge, Faulpelze und Ausredenfinder Ihr! [Mal sehen, wer sich angesprochen fühlt]

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Dienstag, 18. Juli 2006
Go fuck yourself
Gott, ich kann dieses blöde Rumgepöble echt nicht mehr lesen. Lyssa hat dies gemacht, die Opel-blogger jenes. Und dann auch noch so unprofessionell und unglaubwürdig. Ist das Internet nicht groß genug für uns alle? Warum kann sich nicht jeder mal auf seinen eigenen Mist konzentrieren? Im Kritisieren sind sie alle groß aber selber bringt kaum einer was Nennenswertes zustande. Eloquente Kollektivwichser, denen schon bei korrekter Benutzung des Genitives einer abgeht. Könnten die Herrschaften bitte statt stupider Verbalmasturbation mal lieber nen geilen Aufriss präsentieren?

Ich erklär´s euch gerne nochmal: Leben bedeutet Veränderung. Statt Neues auszuprobieren, klammern sich die Meisten lieber an Gewohntes. Jaja, früher war alles besser. Das hört man nicht nur von überalterten Kriegszeitzeugen und verklärten 69ern, ich höre diesen Satz vermehrt von denen, die sich selbst einst das Attribut innovativ verliehen. Veränderung bedeutet nicht automatisch Verbesserung, es bedeutet aber auch nicht automatisch Verschlechterung. Veränderung bedeutet einfach anders. Sie beginnt tastend, erlebt Rückschläge und verfährt sich manchmal in Sackgassen. So geschieht Lernen und Entwicklung. Ich hab´s ja schon vorher gesagt, der Satz, den wir von unseren Eltern am wenigsten hören wollten, wie oft wird der wohl in nächster Zeit noch durch Gehirne, Münder und schließlich in Tastaturen gleiten?

Kritisch sein ist per se nicht schlecht, solange man zwischen destruktiver und konstruktiver Kritik zu unterscheiden fähig ist. Aber die Meisten sind ja nicht einmal in der Lage, sich selbst kritisch zu reflektieren. Wie sollten sie es beim Gegenüber können? Kritik darf nähren, nicht aber im Keim ersticken. Wenn ich mir so anschaue, was derzeit an Kommentaren durch die Blogosphäre wabert, krieg ich Dauerwürgen. Da lauern sie wie kleine sabbernde Pinscher hinter den Bildschirmen auf jeden noch so kleinen Fehler, damit sie schließlich aufspringen und die Beute zerfleischen können. Denn nichts ist so schön wie Genugtuung und Schadenfreude. Das poliert das Ego gewaltig auf. Weil man ja sonst nichts hat, das einen besonders auszeichnet. Leute, lernt erst mal, euch selbst zu mögen und lernt, was Wohlwollen bedeutet. Überhaupt spuken derzeit viele Worte umher, deren tiefere Bedeutung dem jeweiligen Autor mit Sicherheit nicht klar sein dürfte. Allein wenn ich Authentizität lese, wird mir ganz schlecht. Wer ist denn heutzutage noch wirklich authentisch? Authentizität ist die Einheit von Denken, Reden und Handeln. Ich möchte nicht wissen, wie oft am Tag einer schlecht über seine Mitmenschen denkt, ihnen aber reinen Gewissens die Hand schüttelt.

Nein, ich bin kein Harmonieblogger, ich bin auch nicht vollkommen unkritisch und schon gleich zweimal nicht auf Lyssas konspirativer Medienliste. Sponsorn lasse ich mich höchstens von Kid mit einem Glas Wein. Da muss ich aber nicht drüber schreiben. Leute, merkt ihr eigentlich nicht, wie lächerlich das alles ist? Nicht umsonst heisst eine der sieben Todsünden Hochmut. Wenn jetzt alle bitte mal nen Gang runterschalten und sich selbst nicht so wichtig nehmen würden, könnten wir vielleicht in ein paar Monaten gemeinsam drüber lachen.

Nachtrag: hier eine Liste adäquater Bezeichnungen. Sucht euch was schönes aus.

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Woman from Tokyo
Apropos Feiertage: der Fitness-/Wellnessclub ist heute geschlossen, da gestern Tag des Meeres war und der Pool erst heute gereinigt werden kann. Ich verschlafe lausiges Wetter, tief hängende Wolken und Dauerregen. Am Abend dann auf Nahrungssuche. Restaurants stellen Plastikabbildungen ihrer Gerichte in Schaukästen vor dem Eingang aus, auf die Ausländer mit Fingern deuten können. Vor den Suppenküchen stehen Stühle für Wartende. Man trägt seinen Namen in eine Liste am Eingang und hofft auf das Sprachtalent der Angestellten. Speisekarten in japanischen Lettern erschweren die Auswahl. Sushi allerorten. Am Bahnhof ein Förderband für Fischsnacks (Sushitrail), die Dönerbuden Japans. Ernährung gestaltet sich schwierig, wenn man auf Schalengetier allergisch reagiert. Noch schwieriger wirds, will man seinen Prinzipien treu bleiben und sich der hierzulande gefangenen Meereslebewesen gänzlich enthalten. Japan ist das Guantanamo des Fischfanges.

Bleibt nur noch Supermarkt. Die wichtigste Information ist die über nächtliche Öffnungszeiten. Das Angebot ist reichhaltig: Sushi abgepackt, Onigiri mit Fischpaste abgepackt, Meeresfrüchtesalat abgepackt. Fischchips und getrockneter Tang gesalzen auf zwei Regalmetern. Übrig bleibt nur Instantsuppe mit Schrimps. Die kann man notfalls absammeln, bevor man heisses Wasser hinzufügt. Gegessen wird mit Stäbchen, auch die Flüssigkeit. Man muss alles nur schnell genug vom Becher zum Mund befördern. Ein ausdauerndes Völkchen. Reissnacks schmecken ganz ordentlich, bis ich den ersten getrockneten Fisch aus der Packung angle. jetzt liegt er neben mir auf dem Tisch und sieht mich traurig an. Wer schon bei Bambi zögert, kann Nemo erst recht nicht verspeisen. Ich beschließe, ihn feierlich in der Toilette beizusetzen. Leise Plätscherklänge aus dem Lautsprecher im Badezimmer. Beim Spülen erwische ich den falschen Knopf. Zwei- dreimal springt er lustig auf der kleinen Fontäne nach oben, bis er schließlich ins Nirwana der Kanalisation gezogen wird. Der Zimmerspringbrunnen hat eine Pfütze auf dem Boden vor der Toilette hinterlassen. Griesgrämig wische ich sie mit Origamitoilettenpapier auf. Japaner falten zwanghaft jede Art von Papier, das ihnen in die Finger gerät, auch Klopapier. Das Zimmermädchen hätte ihre Aufgabe innerhalb von Minuten erledigt, wären da nicht Kleenex und Co. Ich verstehe sie einfach nicht, die Japaner, so sehr ich mich auch bemühe. Während ein Origamifetisch noch belustigt, stößt das Gebahren der Geschäftsmänner nach Feierabend eher ab. Biergeruch zieht mit einer Gruppe Anzugträger an mir vorbei. Ich treffe sie wieder vor einem Zeitschriftenregal mit Hentailektüre, dem ich mich neugierig nähere. Ihre Blicke lassen mich umkehren. Dabei wollte ich mich über die neuesten Szenetrends informieren. Schnürpäckchen sind inzwischen ein alter Hut, genau wie Gips (bessere Musik hier, man muss sich aber einloggen). Was letztlich angesagt ist, entzieht sich für heute meiner Neugier.

Im Fernsehen übertriebene Fröhlichkeit vor knalliger Kulisse. Keiner würde normalerweise so laut sprechen, noch viel weniger so ungeniert über Plattitüden lachen. Paralleluniversum zum Alltag, vielleicht die Sehnsucht eines Volkes nach Ungezwungenheit, die man sich genau so vorstellt. Oder Abhärtungsprogramm. Einen Japaner bringt so schnell nichts aus der Fassung, kein Erdbeben und kein Autounfall. Auf dem Weg zum Hotel ein verunglückter Viehtransporter. Überall liegt zermatschtes Schweinefleisch auf der Fahrbahn, blutende Tiere, zerfetzte Körper. Dahinter wartet die aufgestaute Autokolonne geduldig bis zum Eintreffen des Räumungstrupps. Keiner hupt, keiner gafft. Wir passieren die Stelle reibungsfrei auf der Gegenfahrbahn. Heute ein Auffahrunfall auf meinem Weg. Ein Lastwagen der Stadtreinigung quetscht sich in den Kofferraum eines Personenwagens. Man steigt aus, ruft die Polizei und versammelt sich schweigend um die Fahrzeugreste. Alles weitere überlässt man dem Polizisten, der in Windeseile mit Signalterzgeheul auf dem Motorrad eintrifft. Ein Oh hier, ein Ah dort, sonst nichts. Kein Gezeter, keine Beschimpfungen. Auch sonst benutzt man gerne langgezogene Ohs und Ahs. Sie entschlüpfen regelmäßig den Mündern der Zuhörenden. Erstaunlich aufdringlich wirkt hingegen das abgehackt herausgepresste hai, das Zustimmung bedeutet. Für mein Gefühl mag sich der Habitus dieses Wortes so gar nicht in das restliche Verhalten einfügen. Was gerne mit jaja [leck mich am Arsch] kommentiert wird, dürfte schwierig ins Japanische zu übersetzen sein. Haihai bedeutet jedenfalls was anderes.

Falls jemand unter den Damen ausgefallenes Schuhwerk sucht, wird hier bestimmt fündig. Alle weiblichen Hotelangestellten tragen Minnie Mouse Schuhe in weiß. Überhaupt trägt man hohe Schuhe gerne eine halbe Nummer zu groß, was den schlurfenden Gang zusätzlich fördert. Früher entglitt mir gelegentlich ein Schmunzeln, wenn ich Japanerinnen auf der Straße stöckeln oder gar eilig laufen sah. Auf Nachfrage erklärte man mir, dies habe mit Unterwürfigkeit zu tun. Servicepersonal schickt sich an, die Wünsche des Kunden schnell zu erledigen und markiert einen eiligeren Schritt. Natürlich können Japaner auch richtig rennen, hat man ja erst bei der WM gesehen. Im Grunde schämen sich die Japanerinnen für ihren Schlumpfschritt. Man möchte gerne westlich angepasst sein. Und im Imitieren sind sie perfekt. Es spielen mehr Japaner in europäischen Orchestern denn je. Während meines Studiums traf ich immer wieder japanische Studenten, die kein Wort deutsch sprachen, dafür aber umso schneller die Klangbeispiele ihrer Lehrer umsetzten. Menschliche Aufnahmegeräte mit integrierter Dolby Surround Funktion. Solisten sind allerdings rar. Man bleibt lieber im Kollektiv.

Ich merke, ich komme ins Plaudern. Genug für heute, auch wenn ich noch vieles zu bestaunen hätte...

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Montag, 17. Juli 2006
Lost in Transition
Jeder zweite an mich gerichtete Satz endet mit my dear. Der Vorhang, der die Kabine von der Küche trennt, bewegt sich permanent. Sie fordert Beilagen mit mir unbekannten Bezeichnungen ein, ordnet unzählige Schälchen an und rückt Stäbchen zurecht. Zwischendurch erklärt sie, was wie zu sein hat. Einprägen kann ich mir ihre Worte, doch der tiefere Sinn bleibt mir verborgen. So bleibe ich eben my dear. Man kennt die japanische Liebe zum Detail aus lehrreichen Berichten oder gar Beobachtungen, bemüht sich, der Andersartigkeit gerecht zu werden und erntet doch Gelächter, bei dem Versuch, das Glas ehrfurchtsvoll abzustellen. Nein, das sei dann doch ein wenig übertrieben. Sie mag westliche Gerichte, weil die so herrlich einfach sind.

Am Freitag war sie in Paris, wollte die Tuilerien besichtigen, doch irgend so ein Nationalfeiertag hat ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dann redet sie mit der Landsmännin, bei der ich nach jedem Satz nachhaken muss. Englische Worte klingen aus ihrem Mund vollkommen unbekannt. Später der Versuch, mit Hilfe einer Hotline eine Internetverbindung herzustellen. Ich befinde mich auf einem fremden Planeten. Minnie Mouse beschreibt Schritt für Schritt den Weg nach Disneyland. Dabei behauptet die Dame am anderen Ende der Leitung steif und fest, sie spräche von meinem Betriebssystem. Ich gebe auf, nicht ohne mich vorher für ihre Bemühungen zu bedanken.

Später im Andenkenladen zwischen all dem Tand erinnere ich mich an das japanische Handy mit angehängtem Miniaturcharivari. We like these things because we are sweet erklärt sie und grinst verschmitzt. My dear ist verunsichert ob dieser subversiven Humorkeule. Instinktiv nehme ich die letzte der vier versprochenen Postkarten mit beiden Händen entgegen. Wahrscheinlich habe ich mich soeben erneut zum Kasperl gemacht. Vor dem Hotel ertönt zur vollen Stunde Lohengrins Brautchor im Glockenspiel, vermischt mit ostinat großen Terzen einer Polizeisirene. In anderen Ländern heulen Sirenen in Quarten oder gar glissandiartiger Chromatik. Hier ist alles sweet-possierlich, selbst die sprechenden Fußgängerampeln. Die erworbene Postkarte trage ich in einer Papiertüte mit aufgeklebter Schleife heim. Überhaupt alles wird hier gerne einzeln verpackt. Gummibärchen in Isolationshaft. Hauptsache es raschelt. Geräusche, die ich nicht verstehe. Langsam lullt mich der Klang von plätscherndem Wasser in den Schlaf. Ausnahmsweise kommt er nicht aus dem Lautsprecher neben dem Bett, sondern aus dem Badezimmer. So gewohnt reell, dass ich es beinahe überhöre.

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Ankunft
Und Ethon wartet bereits, um von der Leber meiner Sehnsucht zu fressen. Die Rache für das gestohlene Feuer meiner Träume dauert an. Der innere Herakles muss noch viele Kämpfe führen, bis er die Klippen des Kaukasus erreicht. Den Linos einst im Zorn erschlagen, hinter sich der Scheideweg, dem Wahnsinn knapp entronnen, geht er immer weiter. Fünf Jahre machen das Dutzend voll. Gefangen im Nessoshemd der Leidenschaft verbrennt er und wird unsterblich. Das Spiel der Götter ist ein grausames.

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Samstag, 15. Juli 2006
Ankündigung
Am Sonntag ist Kocherlball. Wie bereits angekündigt, werde ich, sofern das Wetter mitspielt, dort sein. Wir treffen uns um 5.15 vor dem Geschwister-Scholl-Brunnen (U-Bahn Universität) und laufen dann gemeinsam zum Chinesischen Turm.

Wer Interesse hat, ist herzlich eingeladen, sich anzuschließen - ob mit oder ohne Tracht. Allerdings bin ich nur etwa zwei Stünderl dort, weil ich später zu Tokio Hotel nach Tokio muss.

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Kitchen window
Im Sommer lernt man nach und nach seine Nachbarschaft kennen. Fenster sind zu jeder Tages- und Nachtzeit geöffnet, ab und zu steht einer drin. Mein Nachbar von Gegenüber zum Beispiel sitzt gerne lesend im geöffneten Fenster. Anfangs dachte ich, der wäre suizidgefährdet, so freischwebend im sechsten Stock über dem Dach zu sitzen und in aller Seelenruhe ein Buch lesen, während er gelegentlich an einer Kippe zieht. Der hat aber da Übung drin. Nettes Kerlchen, denke ich mir meistens und lass anschließend die Rollos runter.

Nicht so in der letzten Vollmondnacht. Ich geh in meine Küche und will mir grad ne Fluppe anstecken, da seh ich ihn wieder sitzen. Sieht interessant aus im Gegenlicht seiner Zimmerbeleuchtung. Ich wie immer im Lotterdress, schnell vor den Kleiderschrank und was wirkungsvolleres rausgekramt. Danach das Küchenfenster weit geöffnet und mich ganz lasziv auf dem Barhocker vor dem Fenster geräkelt. Geht nicht, denk ich mir, sieht so inszeniert aus. Also schnell überlegt, was ich stattdessen machen könnte. Fingernägel lackieren! Super Idee, rechtfertigt meinen Aufenthalt am offenen Fenster. Übung hab ich keine, weil ich das Zeug hasse. Meistens schmier ich mir über die Finger und seh hinterher wie ein kleines Kind aus, das sich mit Filzstift auf die Nägel malt oder ich kanns nicht abwarten, bis er trocken ist und zerstöre die glatte Oberfläche. Also lass ich es lieber ganz. An dem Abend war mir das egal. Schnell den Nagellack geholt und wieder lasziv hingesetzt (wie schüttelt man lasziv eingetrocknete Lackfläschchen?) War ziemlich schwierig im Mondlicht aufzutragen. Licht wollte ich nicht machen, weil sonst die Illusion futsch ist. Und wie ich so den ersten Nagel in der Mache hab, seh ich ein Mädel an der Türe klingeln. Ich denk noch, wenn das mal nicht Besuch für ihn ist. Kaum gedacht, seh ich die zwei schon im Fenster sitzen. Grimmig hab ich dann die Nägel fertiglackiert. Unterbrechen ging nicht, weil ich keinen Lackentferner mehr im Haus habe. Dann hab ich mich trotzig in den Rest meiner Wohnung zurückgezogen. Nach etwa zwei Stunden wieder in die Küche und vorsichtig nach oben gespäht. Da saßen die immer noch wie Brüderlein und Schwesterlein auf dem Fensterbrett, die Beine aufs Dach baumelnd und quatschten über Gott und die Welt. Meine Güte, der muss noch ziemlich jung sein. Nur Freunde, klar, keine Annäherungsversuche. Haha, dass ich nicht lache. Keine Ahnung, wie lange die da noch so saßen und für Unverfänglichkeiten ein wenig zu laut und zu albern kicherten. Nach einer weiteren Stunde bin ich nämlich ins Bett. Um 3.00 kann man das, ohne als spießig zu gelten.

Heute Nachmittag zieh ich die Rollos hoch. Ach Du scheiße, da oben steht er und starrt direkt in meine Richtung. Und ich obenrum nix an. Der erste Schock legt sich, ich schlüpfe in ein Shirt und schleiche unbemerkt in die Küche zurück. Er immer noch am Fenster. Ich hole meine Brille. Jetzt habe ich erstmalig die Gelegenheit, ihn bei Tageslicht zu sehen. Er mich aber auch. Aus der Küchenecke spähe ich vorsichtig nach oben. Der zweite Schock sitzt etwas tiefer. Da steht der unbekannte Zwilling von [insert name of any fat´n ugly old actor you know]. Kann nicht sein, war der nicht blond? Und wie ich wieder nach oben schau sind sie zu zweit. Aha, Brad Pitt hat Herrenbesuch. Langsam dämmert die Erkenntnis, warum Damenbesuch auch nach Mitternacht nicht landen kann. Der muss schwul sein. Ist ja immer so, entweder schwul oder besetzt. Kein Interesse zählt nicht in die Kategorien, die Frau in Erwägung zieht. Echt jetzt. Da gibt´s sieht zu gut (schlecht) aus, ist zu jung (alt) oder ist bestimmt liiert und ganz zum Schluß ist bestimmt schwul. Mehr ist nicht drin im weiblichen Denkschema. In Zukunft mach ich die Rollos einfach immer unbekleidet auf, dann kann ich mir bald im letzten Punkt sicher sein. Aber er ist sowieso viel zu jung und sieht obendrein zu gut aus. Und ganz bestimmt ist er liiert.

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The heat goes on
Endlich begriffen, warum so Mancher von Sex im Büro träumt: das Büro ist für viele der einzige Raum mit Klimaanlage.

Kategorie: zu alt für die Nummer im Auto.

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Donnerstag, 13. Juli 2006
Zen oder die Kunst des Beugens
Angucken! Unbedingt!
Und danach üben, üben, üben.

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Born to be a strife
Bis vor einer Woche trug ich eine Markierung am rechten Oberarm. Genau genommen war das ein blauer Fleck in Form eines rechtwinkligen Dreiecks. Ich nannte es liebevoll "mein Pythagorastatoo". Keine Ahnung, wo ich mir das geholt habe, auf jeden Fall war es die Folge eines recht heftigen Zusammenpralls mit fester Materie, denn es behielt seine dunkle Färbung etwa vier Wochen bei. Zur Klage gegen einen Kollegen wegen Körperverletzung war das Veilchen ungeeignet, weil mir das keiner glauben würde. Meine Kollegen sind nämlich allesamt sehr harmoniesüchtig und kaum einer neigt zu körperlicher Gewalt. Wenn wir - wie jedes Jahr - auf einer Flugzeugattrappe unsere Evakuierungsfertigkeiten unter Beweis stellen, kommt dieses Harmoniebedürfnis besonders stark zum Vorschein. Nehmen wir mal an, ein Flugbegleiter muss die Passagiere zu einem anderen benutzbaren Ausgang umleiten, da am eigenen die Rutsche, über die das Flugzeug normalerweise bequem verlassen werden kann, defekt ist, weil zuvor eine stöckelbeschuhte Dame mit Wonne in selbige hineinsprang, dann werden den nächsten Passagieren folgende Worte lautstark entgegengeschleudert: "AUSGANG GESPERRT, ANDEREN AUSGANG BENUTZEN!"
Bei den meisten Kollegen hört sich das jedoch ein wenig anders an: "Dieser Ausgang ist leider nicht benutzbar, darf ich Sie bitten, sich zu einem anderen Ausgang zu begeben?" Dabei wird dem Passagier die Handinnenfläche nicht etwa mit ausgestrecktem Arm präsentiert, sondern die Hand in Schulterhöhe lasziv nach hinten geknickt, was eher einem lässigen Hitlergruß denn einem Stopsignal gleicht. Übersieht der Passagier in der Aufregung dieses Signal und überhört aufgrund des Lärmes die wohlformulierten Worte, wird er nach Absprung an der Türe in den Genuß von ungefähr 5m freien Falles kommen. Der Kollege aber widmet sich frei nach dem Motto "Reisende soll man nicht aufhalten" bereits wieder seiner Hauptaufgabe, der Evakuierung weiterer Reisender. Nachdem Menschen in Panik wie Lemminge reagieren, hat schätzungsweise der zwanzigste Passagier wiederum die Chance auf einen bequemen Ausstieg über die sich inzwischen vor der Türe stapelnden Körper der Mitreisenden. An diesem kleinen Beispiel ist unschwer zu erkennen, dass der Servicegedanke bei uns oberste Priorität genießt.

Kommen wir zurück zu meinem blauen Fleck. Das Pythagorastatoo ist verschwunden, dafür nenne ich seit drei Tagen ein Veilchen auf dem Oberschenkel mein Eigen. Zu Beginn meiner fliegerischen Tätigkeit hatte ich öfter blaue Flecken, da sich mein Körper zunächst an die Enge gewöhnen musste. Inzwischen habe ich einige Fligerjährchen auf dem Buckel und weiß mich durchaus ohne körperliche Blessuren im Flugzeug zu bewegen. Diese Fertigkeit will natürlich geübt sein. Man hat sich das wie einen Hürdenlauf vorzustellen, bei dem die Hürden zu Beginn aus Armlehnen, später dann aus in den Gang ragende menschlichen Körperteilen, Gegenständen wie Decken oder Taschenriemen, ab und zu auch Koffer, Kopfhörerkabel oder andere Reiseutensilien bestehen. Nun gilt es, möglichst schnell und ohne Feindkontakt das Flugzeug von vorne bis hinten zu durchqueren. Während der Anfänger erste Erfolge in kleinem Fluggerät erzielt, beginnt die Herausforderung im Großraumflieger bei Dunkelheit. Hier können etwaige Hindernisse nur erahnt werden. Mit der Zeit entwickelt der geübte Flugbegleiter unsichtbare Sensoren am ganzen Körper, die wie Nachtsichtgeräte funktionieren. Gelingt diese Aufgabe, ist die nächste Schwierigkeitsstufe, dabei ein großes Tablett mit allerlei Getränken ohne verschütten vor sich zu balancieren. Wahre Meisterschaft hat der erreicht, der sich ohne Verletzungen während des Einsteigevorganges in Gegenrichtung zum Passagierstrom bewegen kann. Ich selbst bin des Öfteren gezwungen, diese Übung zu absolvieren. Dabei entgehen mir weder die hilflosen Blicke derer, die sich mit meinem Vorhaben direkt konfrontiert sehen und die versuchen, ihr überdimensionales Handgepäck vor mir in Sicherheit zu bringen, noch die ungläubig staundenden Blicke der schadlos Passierten. Zerrissene Feinstrümpfe sind bei solchen Aktionen keine Seltenheit, haben aber erhebliche Abzüge in der B Note zur Folge. Sehr stolz bin ich auf die Beherrschung der Königsdisziplin: das Passieren eines im Gang stehenden fettleibigen Passagieres, ohne ihn dabei zu berühren.

So meisterlich ich mich innerhalb der Kabine zu bewegen fähig bin, so unbedacht rotiere ich durch die kleine Küche. Die Zeit arbeitet meist gegen mich. Türen von Wägen werden nicht ordentlich geschlossen, weswegen sich diese gelegentlich selbständig wieder öffnen. Nun unterscheide ich mich in mancher Hinsicht von meinen Kollegen. Meine Assimilation in eine Welt des sanften Gleichklanges scheiterte bisher kläglich. Während andere auf den Schwingen der Harmonie dahingleiten, schwingen bei mir geöffnete Wagentüren durch einen kräftigen Tritt in ihre vorgesehene Position. In speziellem Fall ersetzte eine einfache Körperdrehung mit ungewollter Begegnung zwischen Türkante und Oberschenkel den Tritt, was einen heftigen Schmerz in Kombination mit lautstarkem Fluchen zur Folge hatte. Ich glaube, mein Körper ist einfach noch nicht bereit für ein Leben in Harmonie.

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Mittwoch, 12. Juli 2006
Strange days these days
Für gewöhnlich rede ich ungern über Dinge, von denen ich keine Ahnung habe. In diesem Fall mache ich eine Ausnahme, obgleich ich den Umkehrschluß bezweifle. Immerhin wird mir langsam klar, warum es mehr Programmierer als aufregende Liebhaber gibt.

via Nase

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Montag, 10. Juli 2006
God shaves the Queen
Liebe Männer, so ein wenig Körperbehaarung an den richtigen Stellen kann durchaus apart sein. Die Betonung liegt hier auf ein wenig und richtige Stellen. Nun ist mir nicht entgangen, dass ein wenig ein dehnbarer Begriff ist. Wenn ich an oberbayerischen Seen animalische Rückenpartien erblicke, die selbst noch dem Bruno - Gott hab ihn selig - Konkurrenz machen könnten, ist der Begriff eindeutig überdehnt, ebenso wie die urwaldähnlichen Zustände, die ohne erkennbaren Anfang am Bauchnabel nahtlos in die Beinbehaarung übergehen. Hier wären wir bereits bei der Definition für richtige Stellen angelangt. Gegen im dreitägigen Turnus wiederkehrende Gesichtsbehaarung habe ich nichts einzuwenden und auch das ein oder andere Härchen auf nackter Brust hat durchaus seine Reize. Nicht so die Haare, die man nach bestimmten Aktionen zwischen den eigenen Zähnen verzweifelt zu entfernen versucht. Es ist in Ordnung, wenn ihr im Alter zwischen 12 und 15 jedes neue Schamhaar mit Stolz begrüßt, spätestens mit 18 solltet ihr jedoch sowohl diese Phase als auch die damit verbundene Behaarung verabschieden. Ich kann euch versichern, dass ihr dabei weder verweibchlicht, noch lässt euch Kahlschlag impotent werden. Aber weil ihr ja uns Frauen nicht glauben wollt, lasst es euch einfach von einem durchaus attraktiven Mann (<--Video) erklären. Und hinterher will ich nicht hören, der sei doch schwul. Das ist eine blöde Hetenausrede und das wisst ihr sehr wohl. Alternativ könnt ihr gerne eure Körperbehaarung behalten und rülpsend, furzend und euch am Sack kratzend mit Euresgleichen im Wald vergnügen. Oder woanders. Jedenfalls sehr weit weg von den zarten weiblichen Wesen, von denen ihr nachts so träumt. Na? Fällt die Entscheidung immer noch so schwer?


via Männerseiten

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Tell me sweet little lies
Die häufigsten Lügen der Blogger:

~ Zugriffszahlen interessieren mich nicht
~ auf Kommentare kann ich verzichten
~ in Wirklichkeit bin ich ganz anders
~ das ist eine fiktive Geschichte
~ ich blogge nur so zum Spaß
~ ich könnte jederzeit damit aufhören
~ darüber würde ich nie in meinem Blog schreiben
~ mir egal, was andere von mir denken
~ ich lese selten in fremden Blogs
~ ich verlinke nur Blogs, die mir gefallen
~ Qualität setzt sich eben durch
~ was ist Online-Paranoia?

Nachtrag:
~ natürlich hab ich ein Reallife
[weitere Ergänzungen bitte in den Kommentaren]

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Sonntag, 9. Juli 2006
Let´s get loud
Die WM ist eine Erfindung der Autohersteller. Früher musste man zum Hupen nach Italien fahren. Selbst die dreckigsten getuneten Karren brüllten gestern mit rostiger Stimme durch die Straßen. Und wo sollte man sonst sein Fähnchen befestigen, wenn nicht am Auto?
Ein Fahrradkonvoi, das wär´s. Deutschlandflaggen als seitliche Abstandsmesser und riesige Presslufttröten ersetzen die kleinen Glocken. So oder so war den meisten egal, wie die WM ausgeht, hauptsache ein Anlaß, um lautstark zu feiern. Silvester ist noch so lange hin.

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Freitag, 7. Juli 2006
Sätze, die man sofort bloggen muss (4)
Eine Firewall ist das Kondom des Internetbesuchers. Niemals ohne.

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Squeeze me but please don´t tease me
Wer schon bei meinen Menstruationstexten meinte, er wolle gewisse Dinge nicht so genau wissen, sollte ab hier nicht weiterlesen. Es handelt sich meist um die Sorte Männer, die unbedingt bei der Geburt ihres ersten Kindes dabei sein wollen, weil sie sich dieses Erlebnis unheimlich beeindruckend vorstellen. Beeindruckend ist es, wenn auch in anderer Weise als antizipiert. Dann wird sich schnell in tiefe Bewusstlosigkeit geflüchtet. Nur die Harten überdauern, hinterher sind sie aber keine Männer mehr, denn Männer denken bekanntlich immer nur an Sex und das ist das Letzte, woran ein Geburtszeuge danach denken möchte. Für Unerschrockene gibt es hier mehr Informationen.

Gestern war ich nach Jahren mal wieder beim Frauenarzt. Wer jetzt erotisierende Schilderungen erwartet, ist hier ganz falsch. Zumindest ich finde es überhaupt nicht erotisch, halb angezogen auf einem unbequemen Stuhl zu sitzen, während mir ein Fremder zwischen meinen Beinen herumwühlt und ich mich bemühe, ihm nicht meine Schwitzfüße ins Gesicht zu strecken. Zugegeben, es gibt Perverse auf jedem Gebiet aber ich gehöre nicht dazu. Als Frau (zumindest habe ich bisher von keinem Frauenarztbesuch eines Mannes gehört, es sei denn, er ist mit einer Ärztin verheiratet) muss man sich zunächst entscheiden, ob es ein männlicher oder weiblicher Arzt sein soll, dem man sich ausliefert. Diese Entscheidung fällt beim ersten Besuch flach, weil man meistens den Arzt der Mutter aufsucht. Der war bei mir männlich, zudem der Vater einer Schulkameradin, die ich nicht leiden konnte und somit unbedenklich. Kurz bevor er in Rente ging, ich jedoch noch weit vom Ende der eisprungbefreiten Phase entfernt war, führte er bei meiner Mutter eine Hysterektomie durch, weil das sein Spezialgebiet war. Danach war er nicht mehr unbedingt der Arzt meines Vertrauens. Irgendwann bin ich in eine andere Stadt gezogen und suchte wieder einen männlichen Gynäkologen auf. Der sah aber viel zu gut aus. Somit war es mir nicht möglich, ihn mehr als zweimal aufzusuchen. Das Dilemma ist hinlänglich aus deutschen Arztserien bekannt. Damit begann meine Verweigerungsphase. Schließlich rennen Männer auch nicht andauernd zum Männerarzt und das Thema Verhütung hatte ich ganz gut im Griff. Zudem fürchte ich den Besuch beim Gynäkologen noch mehr als den beim Zahnarzt.

Kürzlich flatterte mir ein Werbeprospekt meiner Krankenversicherung ins Haus, den ich aufmerksam durchblätterte. Darin wurde mir als Risikogruppe – fortgeschrittenes Alter und Krebs in der Familie (nein nicht als Sternzeichen) - die Krebsvorsorge wärmstens ans Herz gelegt. Das las sich alles sehr verlockend, zumal die abgebildeten Menschen ausnahmslos glücklich schienen. Jetzt musste nur noch der passende Gynäkologe her. Zufällig führen zwei Gynäkologinnen eine Praxis unweit meiner Wohnstätte und so kam es, wie es kommen musste. Über einen Termin wurde man sich schnell einig. Am Morgen des ersten Treffens war die Auswahl der Bekleidung fast so schwierig wie bei einem Date. Das Oberkleid muss schnell entfernt und wieder angezogen werden können, außerdem ist zweiteilig praktischer als einteilig, da man sich – je nach Bedarf – mal obenrum und mal untenrum entblößt, andernfalls jedoch völlig nackt im Untersuchungsraum steht. Frische Unterwäsche ist selbstredend, beachtet werden sollte dabei die Farbkombination von Hose und BH. Gut, wenn der letzte Waschtag nicht so lange zurückliegt. Das erhöht die Chancen auf farbliche Abstimmung enorm. Socken gehen gar nicht. Den Männern haben wir beigebracht, beim Sex diese noch vor ausziehen der Hose zu entfernen, deswegen sollten wir uns ebenfalls daran halten. Es gibt nichts bescheuerteres, als mit nacktem Unterleib dazuliegen und dabei besockte Füße in die Höhe zu strecken. Obwohl mir alle Regeln der Wahl bewusst waren, entschied ich mich für das neue Dirndl. Geflucht habe ich erst, als ich die vielen Häkchen wieder verschließen musste. Der weite Rock erwies sich dennoch als hilfreich, als die Ärztin das Zimmer noch einmal verlassen musste, ich aber schon mit dem Hintern in schwindelnden Höhen saß. So lag ich auf dem Stuhl, den Patientinnen bei der Anmeldung freundlich zunickend und in freudiger Erwartung der Ereignisse, die da auf mich zukommen mögen.

Zuvor wurde ich über jene Untersuchungsmethoden unterrichtet, deren Kosten nicht von meiner Krankenkasse übernommen werden. Nach allem, was ich in letzter Zeit beim Zahnarzt bezahlen musste, konnte mich diese Tatsache nicht wirklich erstaunen. Man darf sich das wie bei der Programmwahl in der Autowaschanlage vorstellen. Einmal Grundreinigung mit pflegeleichtem Shampoo für trockenen Lack aus biologisch aubbaubaren Tiersekreten und anschließend hagelresistente Glanzpolitur aufgetragen mittels Bürstchen aus Achselhaaren nepalesischer Jungfrauen. Ich fühlte mich zunächst von der Fülle des Angebots überfordert. Langsam wich dieses Gefühl einer angeborenen Neugier und ich setzte fleißig Kreuzchen hinter die Zusatzleistungen. Während ich noch ergebnislos nach dem Feld für Spiel 77 suchte, wurde ich auch schon aufgerufen. Das strahlende Gesicht der Ärztin bestätigte die Richtigkeit meiner Wahl. Erst auf dem Stuhl sitzend wurde mir klar, dass jedes Kreuzchen gleichzeitig eine unangenehme Untersuchungsmethode bedeutete.

Während die Ärztin zwischen meinen Beinen verschwand, beantwortete ich brav meinen Alltag betreffende Fragen. Kaltes Metall kommentierte ich mit den Worten „nein, ich kann mir nicht immer aussuchen, wohin ich fliege“ und beim Herumdrücken auf meiner vorsorglich zuvor entleerten Blase antwortete ich „der Aufenthalt in fremden Städten ist nicht länger als zwei Tage“. Erst als ich sie einen dildoähnlichen Stab mit einem Kondom (sicher ist sicher) verkleiden sah, fehlten mir die Worte und sie musste ihre Frage, ob mein Beruf wegen des Jetlag nicht sehr anstrengend sei, wiederholen. Mit diesem Stab, der meine inneren Organe per Ultraschall auf einem Monitor sichtbar machte, begann sie nun, wie mit einem Kochlöffel in mir herumzurühren. Der Vorgang erinnerte mich an die wenigen schlechten Liebhaber meiner Jugendjahre, denen ich „kann ich Dir beim Suchen behilflich sein?“ zuzurufen versucht war. So suchten wir gemeinsam nach meinen Eierstöcken und wurden links schnell fündig. Beim rechten wollte das Bild nicht so recht klar werden. Mit verrenktem Hals einen Blick auf den Monitor erhaschend, unterdrückte ich den anhaltenden Drang, „weiter rechts“ und „tiefer“ zu rufen. Schließlich wurde mir erklärt, man sähe den rechten Ovar nur, wenn auffällige Veränderungen daran festzustellen wären. Da war ich dann doch ein kleines bisschen froh, ihn nicht zu Gesicht zu bekommen.

Schließlich wollte die Ärztin noch meine Brust abtasten. Abtasten sagte sie und begann, eine Brust zwischen beiden Händen zu knödeln. Als sie fertig war, fühlte ich mich, als hätten sich meine Brüste versehentlich im Nudelholz verfangen. Auch dieses Gefühl war mir von nicht erwähnenswerten Bettgeschichten aus meiner Vergangenheit bekannt, nicht aber vom Gynäkologenbesuch. Alle Ergebnisse sollen in einigen Wochen vorliegen. Da ich mir sicher bin, nichts gewonnen zu haben, werde ich mir den Anruf dort sparen, was mir bei der Rechnung nicht gelungen ist. Auf dem Heimweg fiel mir schließlich der Erfahrungsbericht einer Freundin wieder ein. Bei einem Telefonat machte die ihrer Empörung mit den Worten „die blöde Ärztin soll mir gefälligst Antibiotika verschreiben. Glaubt die echt, ich renn den ganzen Tag mit Joghurt zwischen den Beinen rum?“ Luft. Alles, was ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht schlimmer hätte vorstellen können, ist eingetreten. So schnell wird mich keiner aus der Gilde der Frauenärzte mehr zu Gesicht bekommen. Wozu auch, ich bin kerngesund. Ein guter Freund hätte sich beim Routineanruf seiner Mutter gewünscht, sie nicht „alles, was mir von der Begegnung blieb, war ein Pilz“ über ihre neue Liebschaft sagen zu hören. Solch ein Satz wird ihm nun von mir erspart bleiben.

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