Dienstag, 8. Juli 2008
Und sie tanzen einen Tango


Sie sagt, es sei eine der besten Tangobands und die solle man sich nicht entgehen lassen. Wenn sie es sagt, besteht kein Zweifel, denn sie kennt sich aus, tanzt seit mehr als zehn Jahren, sogar in Buenos Aires in einer dieser Spelunken, in denen Einheimische lieber unter sich trinken, da war sie die Queen. Leicht sei es nicht gewesen, das falle einem nicht in den Schoß und geschenkt bekomme man von den Argentiniern auch nichts, aber sie hatte die Gelegenheit mit den Besten zu tanzen. Ihre Augen blitzen als sie davon erzählt.

Überhaupt Tango, das sei nicht der Macho mit der Rose zwischen den Zähnen und der in seinen Armen dahingeschmolzenen Partnerin. Tango sei lässig, sowas wie der Schwoof der Argentinier. Als sie mit einem Oberbayern über die Tanzfläche schwebt, weiß ich, was sie meint. Der Bewegungsfluß scheint mühelos. Jeder Schritt im Einklang, jede Drehung in wortlosem Einvernehmen zwischen dem Paar. Eine Gewichtsverlagerung, ein Druck mit der Handfläche gegen das Schulterblatt genügt im Tango, um den Partner eine neue Richtung einschlagen zu lassen. Das braucht keine großen Gesten.



Wie sie wiegen, die Schuhsohlen geräuschvoll über die Tanzfläche streifen, sich geschmeidig in immer dieselbe Richtung schieben. Wie eine Dame vertrauensvoll mit dem Oberkörper gegen ihren Partner lehnt und eine andere ein Bein zwischen denen des Mannes schwingt, ohne ihn damit zu berühren. Einige Damen tanzen mit geschlossenen Augen, die Stirn an die Wange des Mannes gelehnt, ganz mit Bewegung und Musik verschmolzen. Andere halten Abstand voneinander, um besser zu drehen. Ich kann mich nicht satt sehen an all den Varianten.

Doch die Nächte sind zu kühl, um alles zu vergessen. So steige ich auf mein Rad und fahre Richtung Viktualienmarkt, wo mich eine wärmende Stimme empfängt. Noch drehe ich mich um mich selbst. Wenn ich meinen inneren Kampf beendet habe, werde ich mich auch wieder führen lassen können. Wenn die Musik erklingt, tanzt das Leben mit uns einen Tango. Oder wir mit ihm. Je nachdem, wer führt.


Tango auf der Praterinsel
mit Einführung für Anfänger
30.6. - 4.8.2008 jeden Montag
(Ausnahme: Mittwoch 16.7. statt 14.7.)
Eintritt 15 €

Quinteto Angel

Musikbeispiele

Kriminaltango




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Sonntag, 6. Juli 2008
In the air tonight
Da ist etwas in der Luft. Während ich in die Pedale trete, weht es mir um die Nase, als wolle es sich darunter reiben. Es ist eine dieser lauen Sommernächte, in denen alles möglich scheint. Noch vor einigen Minuten saß ich grübelnd daheim, doch manchmal muss man seine Perspektiven wechseln. Vom Sofa auf das Fahrrad. Noch kühlt die Nacht, was sich am Tag erhitzte.

Kurz vor dem Odeonsplatz ist meine Fahrt zu Ende. Das Areal um die Feldherrnhalle ist wegen des heutigen Konzertes weiträumig abgesperrt. Ich suche mir einen Weg durch den Hofgarten, doch auch hier gibt es kein Durchkommen. Dafür jede Menge Zaungäste am Wegesrand, Liebespaare auf Grünstreifen, verirrte Radler, die wie ich einen Weg suchen. Am Tor zum Hofgarten Ordner vor den aufgestellten Zäunen, dahinter die Freßmeile für Konzertbesucher entlang der Residenzfassade. Ich versuche, von hinten über den Hof der Residenz zur Theatinerstraße vorzudringen. Auch hier im Durchgang eine Menschentraube. Schließlich stehe ich in der Residenzstraße, Ecke Viscardigasse, am hinteren Bühnenaufgang. Während der Pause tummeln sich die Musiker zwischen Residenzgebäude und Bühne in der Drückebergergasse, halten hie und da Fachgespräche, bis sie von Ordnern zur Bühne gescheucht werden oder lüften einfach nur ihr Instrument.

Es herrscht reges Treiben. So mancher Fußgänger wird umgeleitet. Die blanken Nasen an den Schildern der Wachlöwen zum Brunnenhof ziehen Passanten magnetisch an. Keiner kommt daran vorbei, ohne sie anzufassen und sich Glück zu wünschen. Andere haben sich hier eingefunden, um einige Klänge umsonst zu erhaschen. Von Blüthenzweig bis Krauthuber scheint alles versammelt. Ein dunkelblonder Mann fällt mir im Augenwinkel auf. Er ist jünger als die anderen, hübscher. Ganz in schwarz gekleidet mit einer Sonnenbrille am Hemd lehnt er lässig an der Wand bei den Fahrradständern. Erst halte ich ihn für einen der Musiker, doch als die Musik beginnt, steht er immer noch dort. Ohne Instrument. Während Dvóràk aus der neuen Welt erzählt, streift mein Blick die Fassaden der alten, die im Scheinwerferlicht erstrahlen. Man lauscht gespannt der Musik, hie und da wiegt sich einer zu den Klängen, andere gehen langsam Richtung Absperrung durch die Menge oder lassen sich auf dem Randstein nieder. Alle recken die Köpfe in Richtung Klangquelle, um auch noch leiseste Mittelstimmen zu erahnen. Keiner wagt zu sprechen. Eine seltsame Spannung liegt in der Luft. Neuankömmlinge werden durch strenge Blicke zur Ruhe ermahnt.

Langsam wechselt der Himmel seine Farbe von einem strahlenden in ein dunkles, gedecktes Blau. Meine Augen wandern immer wieder hinüber zu diesem blonden Eusebius, der mit leisem Lächeln regungslos lauscht. Während meine Gedanken wild zwischen Kritik und Konsum, zwischen Hohn und Genuß schanken, mein Körpergewicht unruhig von einem auf den anderen Fuß pendelt, scheint ihn nichts vom Erleben dieses Momentes abzulenken. Erst beneide ich ihn ein wenig, dann beschließe ich, es ihm gleichzutun und in die Atmosphäre einzutauchen. Ich folge den Klängen, die sich über die Umgebung breiten und schließlich im nächtlichen Himmel verlieren. Note um Note, Takt um Takt vergehen und mit ihnen unmerklich die Zeit. Das Ende jedes Satzes registriere ich mit Erstaunen. Nur den letzten Satz - die Coda in überflüssig manifestierender beethovenscher Manier - befinde ich wie eh und je für zu lang. Als der Applaus verebbt, wende ich mich zum Gehen. Noch einmal streife ich den Eusebius mit einem neugierigen Blick. Er hat mich wohl nicht bemerkt. Obwohl sonst nicht auf den Mund gefallen, bin ich zu schüchtern ihn anzusprechen.

Da hebt das Orchester erneut zu spielen an. Musik erfüllt noch einmal die Gassen, ein Walzer von unglaublicher Wehmut zieht über die Köpfe und dreht mein Herz. Das Knistern der Atmosphäre ist jedoch mit dem letzten Applaus verhallt, die Spannung gebrochen. Es ist das melancholische Abschiedslied einer schönen Erinnerung. Vor zehn Jahren hörte ich zuletzt klassische Klänge im Konzertsaal. Die Erinnerung an das, was hätte sein können, rumort an diesem Abend noch lange in meinem Bauch. Als ich heim radle, atme ich tief in meine Lungen. Dieses Gefühl von Traurigkeit und gleichzeitiger Ruhe, von Sehnsucht und Erfüllung strömt mit der Luft durch meinen Körper. Den Augenblick will ich halten, so lange es geht, selbst wenn er mir nur als Erinnerung bleibt. Und München leuchtete.


Dvóràk Slawischer Tanz e-moll op. 72

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Freitag, 4. Juli 2008
A room with a view (30)


Knuthausen
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Montag, 30. Juni 2008
Dream on
Aerosmith

Weil zur EM ja jetzt das letzte Wort gesprochen alles gesagt ist, können wir wieder zur Tagesordnung übergehen. Tagesordnung, das heißt mit einer Hand einen Liter Eiscreme in den Mund schaufeln, während die andere eine Maus sinnlos durch das weltweite Netz steuert. Wenn's der Körper halt braucht. In Sichtweite liegen die Trainingsklamotten. Ich versuche krampfhaft nicht in die Richtung zu schauen, weil ich sonst unbewußt den Bauch einziehe. Schon mal nach dem Genuß von einem Liter Eiscreme den Bauch eingezogen? Mir wird jedes Mal übel dabei. Muß psychosomatisch sein.


Morgen geht's wieder los. Koffer packen, ins Auto hieven, zum Flughafen, zwölf Stunden in einer Kunststoffröhre mit geschätzten tausend Menschen dieselbe Luft atmen, die Füße nicht mehr spüren, die Hitze beim Verlassen des künstlich gekühlten dafür umso mehr, um die Funktionstüchtigkeit der Klebebänder in der Strumpfabschlußborte wenigstens bis zum Erreichen des Hotelbusses beten, sich schließlich völlig ferngesteuert durch gleißendes Licht schleppen, während der Körper felsenfest von Nacht überzeugt ist, damit er irgendwann kapituliert, wenn's dort dunkel wird, sich vor dem Einschlafen eine Notiz auf den Nachttisch legen, wie man heißt, wo man sich befindet und warum, falls man einmal mehr orientierungslos aufwacht.

Ich mag meinen Job. Echt jetzt. Auf den Rückflug freue ich mich beispielsweise immer wie ein kleines Kind. Nur die Vorbereitung schiebe ich heute den ganzen Tag schon vor mir her. Sechs Fragen zum Notfall soll ich mir ausdenken, die ich morgen den Kollegen im Briefing stelle. Sechs lächerliche Fragen, über die ich den ganzen Tag schon nachdenke. Sind sie zu schwer, will anschließend keiner mehr mit mir reden. Sind sie zu leicht, gibt's keinen Lerneffekt. Jeder Lehrer kann meinen Gewissenskonflikt nachfühlen. Dabei wollte ich so nie werden. Oberlehrerhaft und dick. Mein Koffer liegt ebenfalls noch so da, wie ich ihn nach der Rückkehr aus Chicago hinterließ. Die Trainingsklamotten ganz obenauf.

Ich sollte wirklich vernünftiger essen. Und wenn ich zurückkomme, wird endlich geputzt. Der ganze Ruß und Blütenstaub an den Fenstern muss jetzt langsam mal weg, die Böden kann ich auch mal wieder naß wischen und die Küchenablage klebt schon seit einer Woche. Ob wohl noch ein kleines Stück Schokolade da ist?

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Sonntag, 29. Juni 2008
The Wrigley building, Chicago is


Es gibt zwei Lager in den Vereinigten Staaten: die New Yorker und der Rest von Amerika. Böse Zungen behaupten, Chicago wäre gerne ein bisschen New York. Könnte sein, denn hohe Gebäude, Straßenschluchten, gelbe Taxis und ein Haufen Fußgänger, breite Brücken inmitten der Stadt und eine Menge Wasser, das alles haben New York und Chicago gemeinsam. Allerdings ist Chicago ein wenig wie der vernünftige ältere Bruder des hormongebeutelt verrückten Pflasters an der Ostküste. Alles sehr gediegen, sauber, adrett. Sogar die Passanten auf den Gehwegen weichen aus, was man von New Yorkern nicht behaupten kann.
Blablaundsoweiterundsofort.
Es folgen einige Bilder in den Kommentaren, weil Text grad nicht so meine Stärke zu sein scheint.

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Samstag, 28. Juni 2008
A room with a view (29)

Chicago

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Donnerstag, 26. Juni 2008
Sätze, die man sofort... (46│Unterkategorie: gesammelte EM-Weisheiten)
Irgendwer hupt immer.

[Ich vermute ja, es geht nicht um Fußball, sondern das ist eine geheime Werbeaktion der Hupenersatzteilindustrie.]

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Mittwoch, 25. Juni 2008
On a sunny afternoon


Endlich ist er da, der Sommer. Endlich hat er auch den Süden der Republik erreicht. Im April/Mai preschte er ungestüm wie ein pubertierender Jüngling heran, doch dann ging ihm für Wochen die Puste aus. Dafür ist er jetzt umso besonnener (haha) und weilt hoffentlich noch länger unter uns.

Man sitzt derweil im Garten, trinkt einen Café unter Schattenspendern und lässt die Haut nicht mehr von Stoff, sondern ganz blank vom Wind umschmeicheln. Wie ich auf die Wärme gewartet habe, wie sehr die Sonne herbeigesehnt, merke ich erst jetzt. Dabei war es dieses Jahr nicht eisig kalt (soeben einen Scheck für die überschüssigen Nebenkostenzahlung erhalten).

Die Helligkeit strahlt in alle Gemüter. Lächeln geht fast von alleine, ungezwungen, ununterbrochen. Das Herz schlägt leichter gegen dünnen Stoff, die Lungen füllen sich ohne Widerstand von verschnürten Oberkörpern. Die Füße atmen in Riemchenschuhen warmen Asphalt und Beine werden beim Laufen zu Flügeln.

Sommer ist der Galan der Glückseligkeit.

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Dienstag, 24. Juni 2008
Should auld acquaintance be forgot?

Für Fotoquelle bitte das Bild drücken

Gerade bin ich einem alten Bekannten aus meiner Kindheit über den Weg geklickt. Durch permanentes darauf-herumreiten litt er unter starker Lordose und Rückenhypermobilität. Den Schwanz konnte er bereits in jungen Jahren nicht mehr aus eigener Kraft halten und bei einem tragischen Zwischenfall verlor er ein Auge. Nach langjährigem Aufenthalt im Stofftierwohnheim Speicherkarton fand er voriges Jahr seine letzte Ruhestätte im Container einer Abfallsammelstelle. Möge er ruhen in Frieden.

Hintergrund ist die Ausstellung des Münchner Stadtmuseums "Typisch München!" anlässlich des Stadtjubiläums. Waldi war offizieller Olympiadackel 1972.
Ja, ich bin alt.

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Because of curiosity (II)
Frau Petersilie macht den Monk und bewirft mich mit Stöckchen. Dabei habe ich mich schon mal zum Affen gemacht. Na gut, ich habe mehr als 6 Skurrilitäten zu bieten.

1. Ich bin überzeugt davon, nicht kochen zu können. Wenn mir aber jemand ein Rezept unter die Nase hält, kann ich das ohne Probleme nachbasteln. Das ist aber nicht kochen können. Wer kochen kann, tut das gefälligst auswendig.

2. Ich habe einen sehr ausgeprägten Umgebungssinn und kein Verständnis für Menschen, die einem immer im Weg stehen. Die lösen Aggressionen in mir aus. Ein Bewegungsablauf mit mehreren Menschen im Raum ist wie eine ausgeklügelte Choreographie. Wenn man auf bestimmte Signale achtet, weiß man im richtigen Moment auszuweichen.

3. Auf der Straße nutze ich das obige Wissen gerne für kleine Spielchen mit entgegenkommenden Passanten. Manchmal starre ich bewußt auf den Boden, um nicht ausweichen zu müssen, manchmal gebe ich doppeldeutige Signale. Dann entsteht so eine Hin-und-Her-Situation, wo man sich gegenübersteht und immer gleichzeitig auf dieselbe Seite geht. Am Ende sind beide gezwungen, sich in die Augen zu sehen und zu lächeln (oder sich die Köpfe einzuschlagen). Das mag ich.

4. Wenn man mich fotografieren will, sollte man das unbemerkt tun. Wenn ich es merke, mache ich einen Riesenterz. Es gibt überhaupt nur einen Menschen, von dem ich mich gerne fotografieren lasse. Das ist eine Frage des Vertrauens.

5. Ich schaue mir stundenlang die wenigen Fotos oder Videoaufnahmen von mir an und versuche, mich mit fremden Augen zu betrachten. Es gelingt mir aber nie. Ich würde einfach zu gerne wissen, was andere in mir sehen.

6. Ich kann willentlich Fortsetzungsträumen. Als ich noch einen Fernseher besaß, bin ich manchmal schlafen gegangen, wenn mich das Programm nicht interessierte, egal wie früh. Mein eigenes Programm war fast immer spannender. Deswegen besitze ich keinen Fernseher mehr.

So langsam greift die 'Stöckchenmüdigkeit' um sich, deshalb bediene sich wer mag.

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Montag, 23. Juni 2008
Root Beer Rag
Die Frage, ob hier jemand das Glücksmoment nachempfinden kann, das man nach dem ersten korrekt gesprungenen 'axelturn' hat, bleibt wohl eine rhetorische.

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