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Dienstag, 13. Juni 2006
Was wirklich geschah
frau klugscheisser, 21:41h
Heute vor 120 Jahren ist der Kini im Starnberger See ertrunken. Wie das einem guten Schwimmer passieren konnte, bleibt bis heute ein ungelöstes Rätsel. Während meiner dortigen Tauchgänge ist er mir noch nicht erschienen. Sollte dies demnächst geschehen, werde ich postwendend bei meiner Firma kündigen und fortan als Königsmedium meinen Lebensunterhalt bestreiten. Firmensitz: Neuschweinstein [Schreibweise angelehnt an englische und japanische Touristenaussprache].
Vielleicht besucht mich dann endlich mal der Helmut Steinbergher.
Was geschah denn nun wirklich? Sobald ich dahintergekommen bin, gibt´s hier eine Aktualisierung.
Vielleicht besucht mich dann endlich mal der Helmut Steinbergher.
Was geschah denn nun wirklich? Sobald ich dahintergekommen bin, gibt´s hier eine Aktualisierung.
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Summer samba
frau klugscheisser, 13:25h
Persönliche IPod-Listen Empfehlung (Kitschfaktor 7) für heute. Wehe, es lacht einer:
S. Getz feat. J.Gilberto - Izaura
A.C. Jobim - Surfboard & Brasil (must)
J. Brown - I got you (I feel good)
Andrews Sisters - Bei mir bist du schön
B. Darin - Beyond the sea
D. Martin - Volare
Elvis - Surrender
Dirty Dancing Hit - Do you love me
N. Simone - My baby don´t care
P. Anka - Diana
Shocking bluejeans - Venus
D. Byrne - Independence day
Adults only - let me be your underwear
Freakpower - turn on, tune in
US3 - Cantaloop
u.v.m.
und toujours repeat: Soundtrack zum Film "Something´s gotta give"
Leider habe ich keinen IPod o.ä.. Deswegen sind die Songs auf meiner internen Festplatte gespeichert und jederzeit abrufbar.
Jetzt aber RAUS!
Nachtrag
Die Klassikliste bzw. Favoriten einer singenden Radlerin:
Unbestrittene No.1 Eingangsthema aus der 7ten von Bruckner 1. Satz (Cello unisono - an den Oktavsprüngen wird noch gearbeitet)
Gefolgt von No.2
Verdi - Gefangenenchor aus Nabucco
Nessun dorma - Puccini
Pavane pour une infante défunte - Ravel (Achtung: aufgrund der langen Phrasen nicht für Kopfsteinpflaster geeignet)
Goldbergvariation Aria - J.S.Bach
S. Getz feat. J.Gilberto - Izaura
A.C. Jobim - Surfboard & Brasil (must)
J. Brown - I got you (I feel good)
Andrews Sisters - Bei mir bist du schön
B. Darin - Beyond the sea
D. Martin - Volare
Elvis - Surrender
Dirty Dancing Hit - Do you love me
N. Simone - My baby don´t care
P. Anka - Diana
Shocking blue
D. Byrne - Independence day
Adults only - let me be your underwear
Freakpower - turn on, tune in
US3 - Cantaloop
u.v.m.
und toujours repeat: Soundtrack zum Film "Something´s gotta give"
Leider habe ich keinen IPod o.ä.. Deswegen sind die Songs auf meiner internen Festplatte gespeichert und jederzeit abrufbar.
Jetzt aber RAUS!
Nachtrag
Die Klassikliste bzw. Favoriten einer singenden Radlerin:
Unbestrittene No.1 Eingangsthema aus der 7ten von Bruckner 1. Satz (Cello unisono - an den Oktavsprüngen wird noch gearbeitet)
Gefolgt von No.2
Verdi - Gefangenenchor aus Nabucco
Nessun dorma - Puccini
Pavane pour une infante défunte - Ravel (Achtung: aufgrund der langen Phrasen nicht für Kopfsteinpflaster geeignet)
Goldbergvariation Aria - J.S.Bach
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Montag, 12. Juni 2006
Bloggerwechseljahre
frau klugscheisser, 23:17h
Der neue Server wackelt. Kein Zugang zur eigenen Seite. Ist ja nicht so, dass ich was zu schreiben hätte. Ist nur, dass ich gerne können würde, wenn ich wollte. Ist halt wie mit dem Kinderkriegen. Blöd, wenn einem die Entscheidung plötzlich abgenommen wird.
Sicher kennt auch der ein oder andere männliche Leser das Gefühl, nicht zu können, obwohl man gerne würde.
Sicher kennt auch der ein oder andere männliche Leser das Gefühl, nicht zu können, obwohl man gerne würde.
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Montag, 12. Juni 2006
Good night vienna
frau klugscheisser, 01:45h
Sie war nicht die Erste aber die erste Wienerin, die mich für eine Landsmännin hielt. Das gibt mir zu denken. Hat am Ende Wienerisch bayerisch-schwäbische Wurzeln?
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Donnerstag, 8. Juni 2006
Bosom buddies
frau klugscheisser, 22:43h
Da war erst dieser Wunsch, dieses Verlangen, dieses Haben-wollen. Lange gärte es in mir, ließ mich träumen und beobachten, lauern und auf der Hut sein. Als ich ihn das erste Mal sah, schlich ich um ihn herum, wie eine läufige Hündin. Tag und Nacht dachte ich an ihn, wochen- nein monatelang. So sehr ich mich auch bemühte, er ging mir einfach nicht aus dem Kopf. Es war nicht so, dass er abweisend war. Im Gegenteil, er lud mich zu sich ein. Ich widerstand, jedoch nicht lange. Immer öfter fuhr ich an diesem Haus vorbei, in dem er weilte, und traute mich doch nicht, es zu betreten. Ich wusste instinktiv, die Gefahr, dort nicht mehr ohne Verluste herauszukommen, war groß. Und immer wieder zog er mich magisch an. Ich wollte in seiner Nähe sein.
Seine Verführungskünste ließen mich schließlich schwach werden. Vorsichtig öffnete ich die Türe, trat in das abgedunkelte Innere und er präsentierte mir seine ganze Pracht, wie einst Evas Apfel. Ich war gefangen in der Höhle des Löwen. Kein Entkommen, Widerstand zwecklos. Als ich den Stoff seiner Kleidung langsam durch meine Finger gleiten ließ, wusste ich, dass es weh tun würde. Sehr, sehr weh. In diesem Moment war mir alles gleichgültig, schließlich lebte ich nur einmal und hatte endlich den Mut, etwas zu tun, wovor ich immer zurückgeschreckt war. Ich riss mir die Kleider vom Leib, stand fast nackt vor einem Spiegel und schlüpfte in dieses sagenhafte Kostüm, das er für mich bereit hielt. Er war spezialisiert auf eine bestimmte Art Verkleidung. Das war seine Daseinsberechtigung, seine Lust und mein Verderben. Als ich die unzähligen kleinen Häkchen letztlich schloss, strahlte er. Ich hatte ihn zum Leben erweckt, seine Offerte mit meiner Fleischeslust gefüllt. Und wie es gefüllt war, das gute Stück. Er mochte keine dürren Androgynen. Seine Kostümierungen waren wie geschaffen für die Fülligeren, deren Lust dadurch betont und andere betört würden. Mein üppiger Busen quoll aus der Aussparung über dem Ausschnitt. Den Brustkorb schnürend, bis zur Taille verengt, hob es das hervor, was als Tribut der Sinnlichkeit zu betonen war. Es war wie für mich geschaffen. Liebe ist in Verbindung mit Lust ein gefährliches Wort, doch ich verliebte mich auf der Stelle.
Als ich ihn verließ, war ich um eine Erfahrungen reicher. Ich wusste, ich durfte nie wieder zurückkehren. Das war die Bedingung, die ich mir selbst auferlegte, bevor ich zu ihm ging. Heute weiß ich, dass es noch einmal sein muss. Ein einziges Mal muss ich noch zu ihm zurückkehren, dem Laden, um das geänderte Dirndl abzuholen.
Wer geht mit mir auf den diesjährigen Kocherlball?
Nicht nur Herren sind hier gefragt.
Nachtrag: es ist ein original Tiroler Dirndl (rotes Oberteil, schwarzer Rock, kein Schnickschnack). Das wird vielleicht den Herrn Mequito interessieren.
Seine Verführungskünste ließen mich schließlich schwach werden. Vorsichtig öffnete ich die Türe, trat in das abgedunkelte Innere und er präsentierte mir seine ganze Pracht, wie einst Evas Apfel. Ich war gefangen in der Höhle des Löwen. Kein Entkommen, Widerstand zwecklos. Als ich den Stoff seiner Kleidung langsam durch meine Finger gleiten ließ, wusste ich, dass es weh tun würde. Sehr, sehr weh. In diesem Moment war mir alles gleichgültig, schließlich lebte ich nur einmal und hatte endlich den Mut, etwas zu tun, wovor ich immer zurückgeschreckt war. Ich riss mir die Kleider vom Leib, stand fast nackt vor einem Spiegel und schlüpfte in dieses sagenhafte Kostüm, das er für mich bereit hielt. Er war spezialisiert auf eine bestimmte Art Verkleidung. Das war seine Daseinsberechtigung, seine Lust und mein Verderben. Als ich die unzähligen kleinen Häkchen letztlich schloss, strahlte er. Ich hatte ihn zum Leben erweckt, seine Offerte mit meiner Fleischeslust gefüllt. Und wie es gefüllt war, das gute Stück. Er mochte keine dürren Androgynen. Seine Kostümierungen waren wie geschaffen für die Fülligeren, deren Lust dadurch betont und andere betört würden. Mein üppiger Busen quoll aus der Aussparung über dem Ausschnitt. Den Brustkorb schnürend, bis zur Taille verengt, hob es das hervor, was als Tribut der Sinnlichkeit zu betonen war. Es war wie für mich geschaffen. Liebe ist in Verbindung mit Lust ein gefährliches Wort, doch ich verliebte mich auf der Stelle.
Als ich ihn verließ, war ich um eine Erfahrungen reicher. Ich wusste, ich durfte nie wieder zurückkehren. Das war die Bedingung, die ich mir selbst auferlegte, bevor ich zu ihm ging. Heute weiß ich, dass es noch einmal sein muss. Ein einziges Mal muss ich noch zu ihm zurückkehren, dem Laden, um das geänderte Dirndl abzuholen.
Wer geht mit mir auf den diesjährigen Kocherlball?
Nicht nur Herren sind hier gefragt.
Nachtrag: es ist ein original Tiroler Dirndl (rotes Oberteil, schwarzer Rock, kein Schnickschnack). Das wird vielleicht den Herrn Mequito interessieren.
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Vom Feeling her hab ich heute ein gutes Gefühl
frau klugscheisser, 16:25h
Sorry Leute aber der Text MUSS sein. Ist für Bärlin und die böse böse WG von dem bösen bösen Getränkehersteller. Ich mach jetzt auf Ghostwriter.Hihi
ABSEITS!
ER sieht mich geringschätzig aus dem Augenwinkel an. Hör mal, das ist doch kein Abseits!? und ganz leise höre ich IHN Frauen! murmeln. Ich sacke in mich zusammen und sinke ein wenig tiefer in die Couch. Klar hab ich keine Ahnung vom Fußball. Aber immerhin bemühe ich mich. Selbst wenn ich mich zuvor für etwas nicht interessierte, so bin ich lernfähig. Aus den vielen kurzen und längeren Beziehungen habe ich eine Menge neues Wissen mitgenommen. Da war zum Beispiel einer, der Rollläden baute. Von dem lernte ich was über Statik. Dann gab es da den, der sich für Autos interessierte. Seitdem weiß ich, dass eine G-Lader-Schnecke keine Bezeichnung für eine sexuell stimulierte Frau ist. Und mit dem aus der Werbebranche habe ich einen ganzen VW Bus mit Klebeschrift bezogen. Dabei lernte ich, wie man großflächige Blasenbildung mittels Einsatz von Nadel und Föhn vermeidet. Beim Letzten habe ich für mein Leben Nützliches erfahren. Er brachte mir etwas übers Kochen bei. Unsere letzte gemeinsame Kreation war Sauce Hollandaise. Die sollte sich als Trennkost herausstellen - nicht im landläufigen Sinne, sondern weil er sie durch Beigabe von zu viel Zitrone versaute und hinterher nie mehr meine Wohnung betreten wollte.
Für Fußball interessiere ich mich im Allgemeinen so wenig, wie für eine Abhandlung über die „Entwicklung nachweisstarker molekülspektrometrischer Detektionssysteme unter Verwendung von Diodenlasern für die Kapillarelektrophorese und verwandte Trennmethoden“. So wenig verstehe ich auch davon. Ich könnte ohne mit der Wimper zu zucken die letzten Wimbledonsieger im Herren- und Dameneinzel aufsagen, was mir bei den deutschen Bundeskanzlern und –präsidenten nicht ganz so leicht gelingen mag. Ich könnte Kompositionen in ihre Einzelteile zerlegen, aus der Weltliteratur zitieren oder die erste bis fünfte Ballettposition demonstrieren. Aber das interessiert ja keinen. Nein, Fußball ist das, was die Menschheit fesselt, was sie in Atem hält und unendlich Gesprächsstoff liefert. ER sagte, das gehöre zur Allgemeinbildung. Als gebildeter sozialkompetenter Mensch konnte ich das natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Flink versuchte ich, den blinden Fleck und damit meine Wissenslücken zu füllen. Dabei fiel mir folgendes auf:
1. gibt es kaum unabhängige Nachschlagewerke, aus denen profundes Wissen bezogen werden kann
und 2. wird mir nicht klar, was das eigentliche Ziel dieser Sportart ist. Mir wurde mitgeteilt, in erster Linie ginge es darum, den Ball in das Tor der gegnerischen Mannschaft zu befördern, um der eigenen zum Sieg zu verhelfen. Ich halte das für ein Gerücht. Betrachten wir mal Zeitungsartikel am Tag nach dem Spiel. Da wird über Fouls, Verletzungen und Trainerwechsel, sowie über Ablösen für einzelne Spieler berichtet, deren Höhe der gesamten Sahelzone die Tränen in die Augen treibt. Das Spielergebnis findet man – so man aufmerksam liest – irgendwo ganz klein gedruckt in der Mitte des Textes, wenn überhaupt. Die Schreiberlinge gehen davon aus, dass alle bereits während der vorabendlichen Liveübertragung davon in Kenntnis gesetzt wurden.
Fernsehen und Fußball ist ja auch so eine Sache. Ich will hier gar nicht auf das leidige Thema gebührenpflichtige Privatsender kommen. Zu meiner Zeit wurden Spiele von allgemeinem Interesse noch auf den Öffentlich Rechtlichen übertragen. Und wenn dem so war, konnte man nur noch zwischen an und aus entscheiden, nicht aber über das Programm selbst. Ich habe nie erlebt, dass Fußballspiele wegen eines weltpolitisch wichtigen Ereignisses unterbrochen wurden. Wäre Lady Di während eines Endspiels gestorben, hätte sie Pech gehabt. Aber sowas von. Pech war allein schon, mit einem Mercedes auf Tunnelbeton zu donnern. Wäre es allerdings während eines Spiels geschehen, hätte der Moderator die Information höchstwahrscheinlich mit betroffener Miene zwischen zwei Toren verkündet, während im Hintergrund die Laolawelle in der Fankurve eingeblendet worden wäre. So hatte sie wenigstens noch Glück im Unglück, dass sie sich die Tränen über ihr Ableben nicht mit denen über einen Abstieg in die zweite Liga teilen musste. Als Prinzessin kann man das schon erwarten, selbst wenn das gemeine Volk sonst eher mit gutem Benehmen geizt.
Damals, als man Fußballspiele noch vorzugsweise über Rundfunk verfolgte, da war alles noch ein klein wenig anders. Damals hatten die Moderatoren noch richtig was drauf, mussten formulieren können und schlagfertig sein. Es ist eine wahre Kunst, ein Erlebnis für Tausende von Hörern so zu formulieren, dass sie das Geschehen mit dem inneren Auge verfolgen können. Heutzutage beschränken sich die Kommentatoren auf platte Phrasen oder Interviews mit Leuten, die zwar bekannt, zum Spiel selbst jedoch wenig beitragen können. Bestenfalls hält man da einem Fußballer das Mikro ins Gesicht und hofft, zwischen den Ähs und Mhs noch Brauchbares herausfiltern zu können.
Ja, so ist das mit der Allgemeinbildung. Als mir das so richtig klar wurde, war die Motivation in punkto Fußball und Weiterbildung erst mal futsch. Nicht dass ich mich nicht beizeiten bereits über VHS Kurse mit so vielversprechenden Titeln wie Fußball 0.1 für Hausfrauen oder Fußball verstehen. Eine Einführung für die moderne Ehefrau informiert hätte. Wirklich gereizt hätte mich der Vortrag von so einem Sozpädfuzzi mit dem Titel Fußball in der Partnerschaft. Krisenmanagement und Mediation im Alltag. Das ist kein theoretischer Klugschiss, sondern aus dem Leben gegriffen. Schließlich tu ich das alles nicht für die Menschheit oder ein wenig Allgemeinbildung. Nein, ich tue es für IHN. Die Tragik an der Geschichte ist, dass er es nicht einmal bemerkte. Von Anerkennung wollen wir überhaupt nicht reden. Wenn ich Glück hatte, erhaschte ich einen Blick in der Halbzeit oder ein leichtes Tätscheln nach einem Tor. Das war dann auch schon alles. In der sechsten Jahreszeit – neben den bekannten vieren und der Faschingszeit der sogenannte Männerfrühling – leidet eine sonst gut funktionierende Partnerschaft schon arg. Kleine Aufmerksamkeiten? Fallen weg. Komplimente? Vergessen sie´s. Handwerkliche Hilfestellung? Nur wenn es nach der Verlängerung noch machbar ist (bedeutet alles was Lärm macht, scheidet automatisch aus). Sex? Sind Sie wahnsinnig? Doch nicht vor wichtigen Spielen und unter Alkoholeinfluss hinterher schon gleich gar nicht.
Eines habe ich aus dieser Zeit mitgenommen: Lass Dich niemals wieder mit einem Fußballfanatiker ein. Ich bin ja lernfähig.
ABSEITS!
ER sieht mich geringschätzig aus dem Augenwinkel an. Hör mal, das ist doch kein Abseits!? und ganz leise höre ich IHN Frauen! murmeln. Ich sacke in mich zusammen und sinke ein wenig tiefer in die Couch. Klar hab ich keine Ahnung vom Fußball. Aber immerhin bemühe ich mich. Selbst wenn ich mich zuvor für etwas nicht interessierte, so bin ich lernfähig. Aus den vielen kurzen und längeren Beziehungen habe ich eine Menge neues Wissen mitgenommen. Da war zum Beispiel einer, der Rollläden baute. Von dem lernte ich was über Statik. Dann gab es da den, der sich für Autos interessierte. Seitdem weiß ich, dass eine G-Lader-Schnecke keine Bezeichnung für eine sexuell stimulierte Frau ist. Und mit dem aus der Werbebranche habe ich einen ganzen VW Bus mit Klebeschrift bezogen. Dabei lernte ich, wie man großflächige Blasenbildung mittels Einsatz von Nadel und Föhn vermeidet. Beim Letzten habe ich für mein Leben Nützliches erfahren. Er brachte mir etwas übers Kochen bei. Unsere letzte gemeinsame Kreation war Sauce Hollandaise. Die sollte sich als Trennkost herausstellen - nicht im landläufigen Sinne, sondern weil er sie durch Beigabe von zu viel Zitrone versaute und hinterher nie mehr meine Wohnung betreten wollte.
Für Fußball interessiere ich mich im Allgemeinen so wenig, wie für eine Abhandlung über die „Entwicklung nachweisstarker molekülspektrometrischer Detektionssysteme unter Verwendung von Diodenlasern für die Kapillarelektrophorese und verwandte Trennmethoden“. So wenig verstehe ich auch davon. Ich könnte ohne mit der Wimper zu zucken die letzten Wimbledonsieger im Herren- und Dameneinzel aufsagen, was mir bei den deutschen Bundeskanzlern und –präsidenten nicht ganz so leicht gelingen mag. Ich könnte Kompositionen in ihre Einzelteile zerlegen, aus der Weltliteratur zitieren oder die erste bis fünfte Ballettposition demonstrieren. Aber das interessiert ja keinen. Nein, Fußball ist das, was die Menschheit fesselt, was sie in Atem hält und unendlich Gesprächsstoff liefert. ER sagte, das gehöre zur Allgemeinbildung. Als gebildeter sozialkompetenter Mensch konnte ich das natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Flink versuchte ich, den blinden Fleck und damit meine Wissenslücken zu füllen. Dabei fiel mir folgendes auf:
1. gibt es kaum unabhängige Nachschlagewerke, aus denen profundes Wissen bezogen werden kann
und 2. wird mir nicht klar, was das eigentliche Ziel dieser Sportart ist. Mir wurde mitgeteilt, in erster Linie ginge es darum, den Ball in das Tor der gegnerischen Mannschaft zu befördern, um der eigenen zum Sieg zu verhelfen. Ich halte das für ein Gerücht. Betrachten wir mal Zeitungsartikel am Tag nach dem Spiel. Da wird über Fouls, Verletzungen und Trainerwechsel, sowie über Ablösen für einzelne Spieler berichtet, deren Höhe der gesamten Sahelzone die Tränen in die Augen treibt. Das Spielergebnis findet man – so man aufmerksam liest – irgendwo ganz klein gedruckt in der Mitte des Textes, wenn überhaupt. Die Schreiberlinge gehen davon aus, dass alle bereits während der vorabendlichen Liveübertragung davon in Kenntnis gesetzt wurden.
Fernsehen und Fußball ist ja auch so eine Sache. Ich will hier gar nicht auf das leidige Thema gebührenpflichtige Privatsender kommen. Zu meiner Zeit wurden Spiele von allgemeinem Interesse noch auf den Öffentlich Rechtlichen übertragen. Und wenn dem so war, konnte man nur noch zwischen an und aus entscheiden, nicht aber über das Programm selbst. Ich habe nie erlebt, dass Fußballspiele wegen eines weltpolitisch wichtigen Ereignisses unterbrochen wurden. Wäre Lady Di während eines Endspiels gestorben, hätte sie Pech gehabt. Aber sowas von. Pech war allein schon, mit einem Mercedes auf Tunnelbeton zu donnern. Wäre es allerdings während eines Spiels geschehen, hätte der Moderator die Information höchstwahrscheinlich mit betroffener Miene zwischen zwei Toren verkündet, während im Hintergrund die Laolawelle in der Fankurve eingeblendet worden wäre. So hatte sie wenigstens noch Glück im Unglück, dass sie sich die Tränen über ihr Ableben nicht mit denen über einen Abstieg in die zweite Liga teilen musste. Als Prinzessin kann man das schon erwarten, selbst wenn das gemeine Volk sonst eher mit gutem Benehmen geizt.
Damals, als man Fußballspiele noch vorzugsweise über Rundfunk verfolgte, da war alles noch ein klein wenig anders. Damals hatten die Moderatoren noch richtig was drauf, mussten formulieren können und schlagfertig sein. Es ist eine wahre Kunst, ein Erlebnis für Tausende von Hörern so zu formulieren, dass sie das Geschehen mit dem inneren Auge verfolgen können. Heutzutage beschränken sich die Kommentatoren auf platte Phrasen oder Interviews mit Leuten, die zwar bekannt, zum Spiel selbst jedoch wenig beitragen können. Bestenfalls hält man da einem Fußballer das Mikro ins Gesicht und hofft, zwischen den Ähs und Mhs noch Brauchbares herausfiltern zu können.
Ja, so ist das mit der Allgemeinbildung. Als mir das so richtig klar wurde, war die Motivation in punkto Fußball und Weiterbildung erst mal futsch. Nicht dass ich mich nicht beizeiten bereits über VHS Kurse mit so vielversprechenden Titeln wie Fußball 0.1 für Hausfrauen oder Fußball verstehen. Eine Einführung für die moderne Ehefrau informiert hätte. Wirklich gereizt hätte mich der Vortrag von so einem Sozpädfuzzi mit dem Titel Fußball in der Partnerschaft. Krisenmanagement und Mediation im Alltag. Das ist kein theoretischer Klugschiss, sondern aus dem Leben gegriffen. Schließlich tu ich das alles nicht für die Menschheit oder ein wenig Allgemeinbildung. Nein, ich tue es für IHN. Die Tragik an der Geschichte ist, dass er es nicht einmal bemerkte. Von Anerkennung wollen wir überhaupt nicht reden. Wenn ich Glück hatte, erhaschte ich einen Blick in der Halbzeit oder ein leichtes Tätscheln nach einem Tor. Das war dann auch schon alles. In der sechsten Jahreszeit – neben den bekannten vieren und der Faschingszeit der sogenannte Männerfrühling – leidet eine sonst gut funktionierende Partnerschaft schon arg. Kleine Aufmerksamkeiten? Fallen weg. Komplimente? Vergessen sie´s. Handwerkliche Hilfestellung? Nur wenn es nach der Verlängerung noch machbar ist (bedeutet alles was Lärm macht, scheidet automatisch aus). Sex? Sind Sie wahnsinnig? Doch nicht vor wichtigen Spielen und unter Alkoholeinfluss hinterher schon gleich gar nicht.
Eines habe ich aus dieser Zeit mitgenommen: Lass Dich niemals wieder mit einem Fußballfanatiker ein. Ich bin ja lernfähig.
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Honey anybody's ass will do, I'm in a real bad mood
frau klugscheisser, 03:48h
Wahrscheinlich ist das Wetter dran schuld. Oder die Regierung. Oder beides. Jedenfalls bin ich ziemlich angepisst. Vom Wetter. Von der Regierung. Von der musikalischen Reise (boah, die Alte checkt´s echt nicht. Die muss doch schon über dreissig sein und labert immer noch so spätpubertäre Scheiße). Tomorrow is another day. Ja klar und da bauen wir munter am gleichen Mist rum. Immer schön Häufchen machen. Und wenn der Haufen zu groß wird, einfach unter den Perser damit. Dann zwei, dreimal drauf rumgehüpft, ist alles wieder flach. Oder bei zweihundertdreizehn Km/h popelige Opel Polos mit Lichthupe von der Mercedesspur drücken. Immer schön am Blech. Blut an der Stoßstange. Roter Lack tut´s zur Not auch. Und morgen Kinder wird´s was geben. Das lässt den Würgereiz nicht mehr aufhören. WM (wortkarge wirre Männer). Ausnahmezustand auf allen Kanälen. Und die sind voll mit billigem Fusel. Aber sowas von. Bitte einmal drei Wochen Quarantäne mit Benzodiazepam und künstlicher Ernährung all inclusive (weiß einer, wie lange der Wahnsinn genau dauert?)
Komm mir bloß keiner mit: geht auch vorbei. Das sind drei Wochen meines Lebens. DREI WOCHEN! So lange dauert nicht mal PMS. Weltweiter Masochismus is nix für mich. Danke, kein Bedarf. Könnt Ihr alleine spielen. Melde mich hiermit ab ins Wachkoma.
Komm mir bloß keiner mit: geht auch vorbei. Das sind drei Wochen meines Lebens. DREI WOCHEN! So lange dauert nicht mal PMS. Weltweiter Masochismus is nix für mich. Danke, kein Bedarf. Könnt Ihr alleine spielen. Melde mich hiermit ab ins Wachkoma.
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Mittwoch, 7. Juni 2006
Die musikalische Reise - Teil 19
frau klugscheisser, 17:09h
Prades liegt bereits hinter ihnen. Eine bergige Landschaft zieht an ihnen vorbei. Sie sind früh aufgebrochen, um die zweite Teilstrecke bis kurz vor Tarbes hinter sich zu bringen. Kleine Ortschaften liegen links und rechts neben der Landstraße. Gelegentlich hält der Konvoi in seitlichen Parkbuchten, um Toiletten aufzusuchen. Die Hunde springen wild um die Wägen, schnuppern an Abfalleimern und achtlos Weggeworfenem. Wenn ein anderes Auto vor ihrer Ankunft dort stand, steigen Reisende alsbald ein, um den Ort schnell zu verlassen. Man will nichts mit ihnen zu tun haben, obwohl man sie nicht kennt. Die Wenigen, die bleiben, beäugen die Truppe misstrauisch. Türen werden verriegelt, Fenster hochgekurbelt und Taschen in Sicherheit gebracht. Sie schaut zu Sita, ihre Blicke treffen sich. Sita zuckt kurz mit den Schultern und lächelt. So ist das eben. Man ist deswegen nicht nachtragend, nur ein wenig bedauernd. Sie bewundert diesen Gleichmut. Wenn sie ständig von Fremden gemieden würde, verlöre sie sicherlich bald den Mut, sich zwischen Fremden zu bewegen. Langsam dämmert die Erkenntnis in ihr, weshalb viele Randgruppen solch einer Behandlung mit Aggression begegnen. Jeder hat das Recht, sich frei zu bewegen, ohne dafür strafende Blicke zu ernten. Kein Mensch ist wie der andere und doch sind sie alle gleich in ihren Sorgen, Wünschen und Sehnsüchten.
Laika ist inzwischen fast ununterbrochen an ihrer Seite. Sie hat kaum eine Minute für sich alleine. Das Kind greift ihre Hand, zerrt an ihr, um ihr etwas zu zeigen. Sie weiß nicht, wie lange ihre Geduld noch anhält, ist sie doch das Alleinsein gewöhnt. Andererseits beginnt sie, die Welt aus kindlichen Augen zu sehen, wenn sie mit Laika zusammen ist. Hier eine Blume, dort ein Schmetterling, Fragen, die sie sich zu beantworten bemüht, selbst wenn sie die korrekte Antwort nicht kennt. So unmittelbar möchte sie in ihrem Leben noch einmal sein, so grenzenlos und doch die Erfahrung ihrer Jahre nicht missen. Kindliche Naivität gegen Erfahrungen – und seien sie noch so schmerzhaft – eintauschen zu wollen, zeugt von Dummheit. Mutig kann nur der sein, der die Angst kennt. Wenn Parsifal der gefeierte reine Tor alleine durch seine Anwesenheit keine Erlösung für die angeschlagene Tafelrunde bringen kann, dann nur deswegen, weil er nicht weiß, worum es geht. Kundrys Kuss wird ihn aus der Torheit wecken, doch gleichzeitig für die Zwecke der Gralsritter unbrauchbar machen. Das Dilemma ist erst zu lösen, wenn Torheit über den Weg des Leides und der Erfahrung mit neuen Erkenntnissen verschmilzt. Erlöst ist nur der, der beide Pole in Einklang bringt. Dann mag auch das ewige Streben nach dem, was nicht ist, aufhören. Sie wünscht sich ein anderes Leben, eines ohne Musik, dafür mit Familie. Jetzt, wo sie leihweise eine Familie hat, will sie nichts anderes als alleine sein. Die Zeit ohne Instrument erscheint ihr inzwischen unendlich lange. Nicht dass sie das Üben vermisste, sie vermisst nur die Klänge unter ihren Händen. Ach ja, ihre Hände, die jeden Tag etwas mehr heilen, genau wie ihre Seele. Seit ihrer überstürzten Abreise von Stuttgart hat sie nur selten an den Professor gedacht. Jetzt liegt er unter der Erde. Diese Tatsache kann sie nicht leugnen, so gerne sie es würde. Von Sita hat sie gehört, dass es möglich sein soll, mit den Geistern der Toten in Kontakt zu treten. Sie mag diesen Humbug nicht glauben, ihre Neugier ist in diesem einen Fall jedoch stärker. Ein letztes Mal würde sie gerne von ihm hören, ihm sagen dürfen, wie viel er ihr bedeutete. Vielleicht würde Sita am nächsten Nachtlager etwas für sie tun können.
Kurz nach St. Gaudens biegen sie in die Berge ab. Die Straßen schlängeln sich zwischen kargen Felsen hindurch, führen hoch und runter, fließen wie Wasser zwischen Hindernissen. Fast könnte man meinen, hier wurde jeder Baum umgangen. Ihr wird flau im Magen von den vielen Kurven. Sie bittet Aram anzuhalten. Dieser biegt widerwillig in eine seitliche Aussparung ein, die mehr zum Ausweichen als Parken gedacht ist. Man würde den Anschluss zu den anderen verpassen, wenn sie noch länger hier in die Ferne starrend stehen würde. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Die Landschaft sieht aus wie Klingsors Zaubergarten entsprungen. Eine Weile starrt sie noch so vor sich hin. Da spürt sie, wie Sita ihre Hand nimmt. Sie drückt ihr einen flachen schwarzen Stein in die Innenfläche und umschließt ihn mit den Fingern. Der Stein fühlt sich bis auf ein Loch in der Mitte ganz glatt an. So etwas hat sie noch nie gesehen. Vermutlich wurde er ausgehöhlt, um ihn als Anhänger zu tragen. Einen Hühnerherren (Seigneur de poule) – zumindest ist es das, was sie versteht, als sie Sita nach dem Namen des Steines fragt - hält sie in der Hand. Während der Weiterfahrt konzentrieren sich ihre Finger auf die Struktur des Steines und lassen sie die Kurven vergessen. Der Gott der Hühner hat seine Schuldigkeit getan. Sita erklärt ihr, dass der Schutz des Gottes Weles ihr gewiss sei, so lange sie den Stein nur sichtbar bei sich trüge. Auch gegen den bösen Blick der anderen Leute könnte er sie schützen. Die Erlösung von aufkommender Übelkeit sei nur ein Nebeneffekt gewesen. Daran mag sie nun wirklich nicht glauben. Sie erinnert sich daran, wie ihr die Großmutter auf längeren Fahrten eine Kastanie oder ähnliches in die Hand gab, damit sie sich ablenken konnte. Unabhängig von einem bestimmten Glauben scheint das Wissen der Alten zu funktionieren.
Die Straße wird kurviger. Sie haben nach einigen Kilometern zu den anderen aufgeschlossen und hängen sich an die Rücklichter des letzten Wagens. In einer besonders starken Biegung beginnt der Wagen gefährlich zu schwanken, schert zur Seite aus und droht zu kippen. Aram bremst scharf ab. Hoffentlich kommt jetzt kein Gegenverkehr. Die Insassen des Wagens sind angespannt. Nach einigen Schlenkern hat sich das Gefährt vor ihnen wieder beruhigt. Fast könnte man meinen, die Wägen seien eingespannte eigenwillige Pferde. Man muss sie mit ruhiger Hand führen, nie zu stark abbremsen und unvorsichtige Bewegungen vermeiden. Sita sitzt kerzengerade. Mit weit aufgerissenen Augen verfolgte sie das Geschehen vor ihnen. Der Wagen ihres Vaters stürzte einst über eine Straßenabgrenzung. Er wollte einer streunenden Katze ausweichen. Als die Männer ihn aus dem Fahrzeug befreien konnten, war er schwer verletzt und starb kurz darauf im nahegelegenen Krankenhaus. Der Leichnam wurde bald freigegeben und man hielt Totenwache. In dieser Nacht seien merkwürdige Dinge geschehen, so berichtet Sita. Sie möchte mehr erfahren, doch Sitas Blick lässt sie verstummen. Zum Glück haben sie Loudenvielle bereits erreicht. Von dort führt ein steiler Weg nach Germ, der mit Wohnwägen nicht zu bewältigen ist. Die Gruppe stellt ihre Wägen auf freiem Feld ab. Einige packen Rucksäcke und Zelte ein, um nach Germ weiterzufahren. Der Rest der Gruppe bleibt am Ort. Was genau die Zigeuner hier suchen, weiß sie nicht. Vermutlich hat Germ irgendeine mystische Bedeutung in ihrer Geschichte. Wenn nicht, sollen hier zumindest nette Verwandte wohnen.
Laika ist inzwischen fast ununterbrochen an ihrer Seite. Sie hat kaum eine Minute für sich alleine. Das Kind greift ihre Hand, zerrt an ihr, um ihr etwas zu zeigen. Sie weiß nicht, wie lange ihre Geduld noch anhält, ist sie doch das Alleinsein gewöhnt. Andererseits beginnt sie, die Welt aus kindlichen Augen zu sehen, wenn sie mit Laika zusammen ist. Hier eine Blume, dort ein Schmetterling, Fragen, die sie sich zu beantworten bemüht, selbst wenn sie die korrekte Antwort nicht kennt. So unmittelbar möchte sie in ihrem Leben noch einmal sein, so grenzenlos und doch die Erfahrung ihrer Jahre nicht missen. Kindliche Naivität gegen Erfahrungen – und seien sie noch so schmerzhaft – eintauschen zu wollen, zeugt von Dummheit. Mutig kann nur der sein, der die Angst kennt. Wenn Parsifal der gefeierte reine Tor alleine durch seine Anwesenheit keine Erlösung für die angeschlagene Tafelrunde bringen kann, dann nur deswegen, weil er nicht weiß, worum es geht. Kundrys Kuss wird ihn aus der Torheit wecken, doch gleichzeitig für die Zwecke der Gralsritter unbrauchbar machen. Das Dilemma ist erst zu lösen, wenn Torheit über den Weg des Leides und der Erfahrung mit neuen Erkenntnissen verschmilzt. Erlöst ist nur der, der beide Pole in Einklang bringt. Dann mag auch das ewige Streben nach dem, was nicht ist, aufhören. Sie wünscht sich ein anderes Leben, eines ohne Musik, dafür mit Familie. Jetzt, wo sie leihweise eine Familie hat, will sie nichts anderes als alleine sein. Die Zeit ohne Instrument erscheint ihr inzwischen unendlich lange. Nicht dass sie das Üben vermisste, sie vermisst nur die Klänge unter ihren Händen. Ach ja, ihre Hände, die jeden Tag etwas mehr heilen, genau wie ihre Seele. Seit ihrer überstürzten Abreise von Stuttgart hat sie nur selten an den Professor gedacht. Jetzt liegt er unter der Erde. Diese Tatsache kann sie nicht leugnen, so gerne sie es würde. Von Sita hat sie gehört, dass es möglich sein soll, mit den Geistern der Toten in Kontakt zu treten. Sie mag diesen Humbug nicht glauben, ihre Neugier ist in diesem einen Fall jedoch stärker. Ein letztes Mal würde sie gerne von ihm hören, ihm sagen dürfen, wie viel er ihr bedeutete. Vielleicht würde Sita am nächsten Nachtlager etwas für sie tun können.
Kurz nach St. Gaudens biegen sie in die Berge ab. Die Straßen schlängeln sich zwischen kargen Felsen hindurch, führen hoch und runter, fließen wie Wasser zwischen Hindernissen. Fast könnte man meinen, hier wurde jeder Baum umgangen. Ihr wird flau im Magen von den vielen Kurven. Sie bittet Aram anzuhalten. Dieser biegt widerwillig in eine seitliche Aussparung ein, die mehr zum Ausweichen als Parken gedacht ist. Man würde den Anschluss zu den anderen verpassen, wenn sie noch länger hier in die Ferne starrend stehen würde. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Die Landschaft sieht aus wie Klingsors Zaubergarten entsprungen. Eine Weile starrt sie noch so vor sich hin. Da spürt sie, wie Sita ihre Hand nimmt. Sie drückt ihr einen flachen schwarzen Stein in die Innenfläche und umschließt ihn mit den Fingern. Der Stein fühlt sich bis auf ein Loch in der Mitte ganz glatt an. So etwas hat sie noch nie gesehen. Vermutlich wurde er ausgehöhlt, um ihn als Anhänger zu tragen. Einen Hühnerherren (Seigneur de poule) – zumindest ist es das, was sie versteht, als sie Sita nach dem Namen des Steines fragt - hält sie in der Hand. Während der Weiterfahrt konzentrieren sich ihre Finger auf die Struktur des Steines und lassen sie die Kurven vergessen. Der Gott der Hühner hat seine Schuldigkeit getan. Sita erklärt ihr, dass der Schutz des Gottes Weles ihr gewiss sei, so lange sie den Stein nur sichtbar bei sich trüge. Auch gegen den bösen Blick der anderen Leute könnte er sie schützen. Die Erlösung von aufkommender Übelkeit sei nur ein Nebeneffekt gewesen. Daran mag sie nun wirklich nicht glauben. Sie erinnert sich daran, wie ihr die Großmutter auf längeren Fahrten eine Kastanie oder ähnliches in die Hand gab, damit sie sich ablenken konnte. Unabhängig von einem bestimmten Glauben scheint das Wissen der Alten zu funktionieren.
Die Straße wird kurviger. Sie haben nach einigen Kilometern zu den anderen aufgeschlossen und hängen sich an die Rücklichter des letzten Wagens. In einer besonders starken Biegung beginnt der Wagen gefährlich zu schwanken, schert zur Seite aus und droht zu kippen. Aram bremst scharf ab. Hoffentlich kommt jetzt kein Gegenverkehr. Die Insassen des Wagens sind angespannt. Nach einigen Schlenkern hat sich das Gefährt vor ihnen wieder beruhigt. Fast könnte man meinen, die Wägen seien eingespannte eigenwillige Pferde. Man muss sie mit ruhiger Hand führen, nie zu stark abbremsen und unvorsichtige Bewegungen vermeiden. Sita sitzt kerzengerade. Mit weit aufgerissenen Augen verfolgte sie das Geschehen vor ihnen. Der Wagen ihres Vaters stürzte einst über eine Straßenabgrenzung. Er wollte einer streunenden Katze ausweichen. Als die Männer ihn aus dem Fahrzeug befreien konnten, war er schwer verletzt und starb kurz darauf im nahegelegenen Krankenhaus. Der Leichnam wurde bald freigegeben und man hielt Totenwache. In dieser Nacht seien merkwürdige Dinge geschehen, so berichtet Sita. Sie möchte mehr erfahren, doch Sitas Blick lässt sie verstummen. Zum Glück haben sie Loudenvielle bereits erreicht. Von dort führt ein steiler Weg nach Germ, der mit Wohnwägen nicht zu bewältigen ist. Die Gruppe stellt ihre Wägen auf freiem Feld ab. Einige packen Rucksäcke und Zelte ein, um nach Germ weiterzufahren. Der Rest der Gruppe bleibt am Ort. Was genau die Zigeuner hier suchen, weiß sie nicht. Vermutlich hat Germ irgendeine mystische Bedeutung in ihrer Geschichte. Wenn nicht, sollen hier zumindest nette Verwandte wohnen.
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Mittwoch, 7. Juni 2006
Die musikalische Reise - Teil 18
frau klugscheisser, 00:50h
Die Gruppe bricht gegen Abend im Konvoi Richtung Perpignan auf. Zunächst nach Montpellier, dann immer an der Küste entlang. Man will Autobahngebühren sparen. Die Route ist zudem abwechslungsreicher. Sie sitzt am halb geöffneten Fenster und lässt den Wind durch ihr Haar greifen, die Augen zusammengekniffen. Durch den Augenspalt sieht sie Lichter vorbeiziehen, die durch die Wimpern wie kleine Sonnen aussehen. Jede Sonne erhellt mit ihren Strahlen ein begrenztes Stück Dunkelheit. Manche Sonnen sind Fixsterne, andere Trabanten. Sie kommen ihr entgegen, erst langsam, dann immer schneller, bis sie an ihr in Lichtgeschwindigkeit vorbeizurauschen scheinen. Der nächtliche Himmel ist mit Lichtpunkten übersät. Laikas Kopf liegt auf ihrem Schoß. Auch sie schaut in den Himmel. Das Mädchen deutet nach oben und fragt nach dem Namen eines Sterns. Bis auf wenige Ausnahmen weiß Sie die korrekten Namen nicht. Gemeinsam taufen Sie die Sterne. Isor, Laura, Phileos, Namen von Freunden, Hunden oder Märchenfiguren. Es dauert eine Weile, bis Laika dem Spiel überdrüssig wird. Die Truppe biegt nach links von der Straße ab auf einen Rastplatz. Hier wolle man zur Nacht bleiben. Am nächsten Morgen geht die Reise weiter ins Landesinnere. Ihre letzte Nacht am Meer möchte sie zelebrieren. Als die anderen um das Lagerfeuer sitzen, nimmt sie sich eine Decke und läuft Richtung Wasser. Es ist bereits dunkel. Schiffslichter werden in weiter Ferne wie von Geisterhand über die dunkle Oberfläche gezogen. Der Wind hat sich gelegt, das Meer ist erstaunlich ruhig. Nur vereinzelte Wellen, die den Strand hinaufspülen und sich gurgelnd zurückziehen, bezeugen den Atem des schlafenden Riesen. Ihre Augen folgen dem Wasser, das sich Wege zwischen Steinen sucht und beim Rückzug miniaturförmige Schneisen hinterlässt. Nach jeder Welle wandern verstreute Muschelgehäuse. Das Wasser oder kleine Einsiedlerkrebse geben ihnen Beine zur Fortbewegung. Sie saugt die salzige Luft tief in ihre Lungen. Als Kind hat sie einmal versucht, das Meer nach Hause zu holen. Sie füllte die Badewanne mit Wasser, schüttete alles Salz hinzu, das sie im Haus auftreiben konnte und begann mit einer Blumenschaufel Wellen zu erzeugen. Das Wasser bewegte sich jedoch nur im Kreis. Sie wollte eine richtige Brandung, wie sie es an der Steilküste Spaniens gesehen hatte, nicht so ein lasches Schwappen. Dazu brauchte Sie Felsen, die sie aus dem Garten holte. Der dritte Gang nach draußen - sie hatte gerade ein besonders großes Exemplar herbeigeschleppt – endete kurz vor der Türe zum Badezimmer. Ihre Mutter hatte das Wasser ausgelassen und schimpfte über ihre Torheit. Den Stein nahm sie mit in ihr Zimmer, wo er seinen Platz auf der Fensterbank bekam.
Es ist kühl geworden. Sie zieht die Decke über die Schultern. Morgen werden sie nach Prades fahren, den Ort, den der Cellist Pablo Casals durch das jährliche Musikfestival berühmt gemacht hat. Das erste, was sie von ihm hörte, waren die wiederentdeckten Aufnahmen von Bachs Solosuiten. Aus heutiger Sicht durch zahlreiche Rubati stark romantisiert, kann man die Faszination seines dominierenden Klanges erahnen. Wie bereits Artur Schnabel sagte: „Der falsche Fingersatz aber das richtige Gefühl“, genau diese Kunst beherrschte Casals wie kaum einer. Es existiert ein Probenmitschnitt des Streichquintetts von Schubert, in dem Casals eine ganze Viertel hinterher hängt. Und dennoch gilt diese Aufnahme zusammen mit der endgültigen in Fachkreisen als eine der exorbitantesten, die von besagtem Stück existieren. Der Ton dieses Instrumentes fasziniert sie. Als sie Mischa sah, war das erste, was ihre Aufmerksamkeit erregte, nicht seine große Statur oder die schwarzen welligen Haare, sondern der Kasten, den er bei sich trug. Bereits damals galt er als Frauenschwarm und Filou. Nachdem sie ihn in einem Konzert zum ersten Mal hörte, war sie fasziniert. Der Klang seines Cellos durchdrang ihr Mark, ließ sie frieren und schwitzen zugleich. Diesen Mann musste sie kennen lernen. Ähnliches erfuhr sie erst wieder bei einer Aufnahme des ersten Cellokonzertes von Schostakowitsch gespielt von der koreanischen Cellistin Han-Na Chang. Bis heute beneidet sie diese Unmittelbarkeit der Tonerzeugung. Sie kann zwar den Klavierhammer nuanciert auf die Saiten klopfen, jedoch nie diese klangliche Vielfalt von Streichern, Bläsern oder gar Sängern hervorbringen. Sie nimmt einen Stein, um ihn der dunklen Masse entgegenzuschleudern. Jeder Stein, den sie ins Meer wirft, ein nicht zu Ende gedachte Gedanke und jeder Stern am Himmel ein unerfüllter Wunsch. Die Natur scheint ihr inneres Spiegelbild in dieser klaren Nacht zu sein. Manch einer hätte Sterne herunterholen können. Nun muss es der alte Brunnen für ihn tun. Sie, die Zuschauende, weiß, was Nelly Sachs meinte.
Leise kehrt sie zurück zum Wagen, in dem die anderen bereits ihr Nachtlager bezogen haben. Sie schlüpft in das Zelt daneben, zieht sich aus und will unter die Decke schlüpfen. Beim Zurückschlagen entdeckt sie eine winzige aus Papier gefaltete Figur, die gemeinsam mit einem Keeblatt auf ihrem Kissen liegt. Wahrscheinlich ein kleines Präsent von Laika, die sich auf ihre Art für den Stein bedankte. Die Zuneigung des Kindes ist so unverschämt grenzenlos und so voller Vertrauen, dass es sie fast ein wenig erschrecken lässt.
Morgen wird die große Strecke entlang der Pyrenäen zurückgelegt. Sie ist gespannt auf neue Orte und Eindrücke. Es ist ein Abstecher vor Tarbes in die Berge geplant, sowie ein Besuch in Lourdes. Dann geht die Reise weiter über die spanische Grenze nach San Sébastien, Bilbao, Santander, Oviedo und schließlich La Coruña, die Hauptstadt Galiziens. Von dort sind es nur noch wenige Kilometer nach Santiago de Compostela. Einige Tage wird es aber noch dauern, bis das Ziel erreicht ist. Tage, die sie in angenehmer Gesellschaft genießt und die – wie sie hofft – nicht zu schnell vorübergehen werden. In der Ferne hört sie Hundegebell, aufgeschrecktes Vogelgezwitscher und eine Glocke. Die Klänge tragen sie sanft über die Klippe des Bewusstseins, bis sie vom Sog einer Traumwelle ergriffen und fortgezogen wird.
Es ist kühl geworden. Sie zieht die Decke über die Schultern. Morgen werden sie nach Prades fahren, den Ort, den der Cellist Pablo Casals durch das jährliche Musikfestival berühmt gemacht hat. Das erste, was sie von ihm hörte, waren die wiederentdeckten Aufnahmen von Bachs Solosuiten. Aus heutiger Sicht durch zahlreiche Rubati stark romantisiert, kann man die Faszination seines dominierenden Klanges erahnen. Wie bereits Artur Schnabel sagte: „Der falsche Fingersatz aber das richtige Gefühl“, genau diese Kunst beherrschte Casals wie kaum einer. Es existiert ein Probenmitschnitt des Streichquintetts von Schubert, in dem Casals eine ganze Viertel hinterher hängt. Und dennoch gilt diese Aufnahme zusammen mit der endgültigen in Fachkreisen als eine der exorbitantesten, die von besagtem Stück existieren. Der Ton dieses Instrumentes fasziniert sie. Als sie Mischa sah, war das erste, was ihre Aufmerksamkeit erregte, nicht seine große Statur oder die schwarzen welligen Haare, sondern der Kasten, den er bei sich trug. Bereits damals galt er als Frauenschwarm und Filou. Nachdem sie ihn in einem Konzert zum ersten Mal hörte, war sie fasziniert. Der Klang seines Cellos durchdrang ihr Mark, ließ sie frieren und schwitzen zugleich. Diesen Mann musste sie kennen lernen. Ähnliches erfuhr sie erst wieder bei einer Aufnahme des ersten Cellokonzertes von Schostakowitsch gespielt von der koreanischen Cellistin Han-Na Chang. Bis heute beneidet sie diese Unmittelbarkeit der Tonerzeugung. Sie kann zwar den Klavierhammer nuanciert auf die Saiten klopfen, jedoch nie diese klangliche Vielfalt von Streichern, Bläsern oder gar Sängern hervorbringen. Sie nimmt einen Stein, um ihn der dunklen Masse entgegenzuschleudern. Jeder Stein, den sie ins Meer wirft, ein nicht zu Ende gedachte Gedanke und jeder Stern am Himmel ein unerfüllter Wunsch. Die Natur scheint ihr inneres Spiegelbild in dieser klaren Nacht zu sein. Manch einer hätte Sterne herunterholen können. Nun muss es der alte Brunnen für ihn tun. Sie, die Zuschauende, weiß, was Nelly Sachs meinte.
Leise kehrt sie zurück zum Wagen, in dem die anderen bereits ihr Nachtlager bezogen haben. Sie schlüpft in das Zelt daneben, zieht sich aus und will unter die Decke schlüpfen. Beim Zurückschlagen entdeckt sie eine winzige aus Papier gefaltete Figur, die gemeinsam mit einem Keeblatt auf ihrem Kissen liegt. Wahrscheinlich ein kleines Präsent von Laika, die sich auf ihre Art für den Stein bedankte. Die Zuneigung des Kindes ist so unverschämt grenzenlos und so voller Vertrauen, dass es sie fast ein wenig erschrecken lässt.
Morgen wird die große Strecke entlang der Pyrenäen zurückgelegt. Sie ist gespannt auf neue Orte und Eindrücke. Es ist ein Abstecher vor Tarbes in die Berge geplant, sowie ein Besuch in Lourdes. Dann geht die Reise weiter über die spanische Grenze nach San Sébastien, Bilbao, Santander, Oviedo und schließlich La Coruña, die Hauptstadt Galiziens. Von dort sind es nur noch wenige Kilometer nach Santiago de Compostela. Einige Tage wird es aber noch dauern, bis das Ziel erreicht ist. Tage, die sie in angenehmer Gesellschaft genießt und die – wie sie hofft – nicht zu schnell vorübergehen werden. In der Ferne hört sie Hundegebell, aufgeschrecktes Vogelgezwitscher und eine Glocke. Die Klänge tragen sie sanft über die Klippe des Bewusstseins, bis sie vom Sog einer Traumwelle ergriffen und fortgezogen wird.
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Count the lashes
frau klugscheisser, 15:16h
Gestern hat es angefangen zu jucken. Erst nur leicht, dann immer stärker. Wenn es an Hand oder Fuß gewesen wäre, kein Problem. Dann hätte ich einfach gekratzt, notfalls bis sich die Haut rot färbt. Am Auge kann man sich aber schlecht kratzen. Meine Vermutung, da lägen mal wieder Wimpern gegenseitig im Clinch, bestätigte sich nach einem Blick in den Spiegel. Die werden bei mir so lang, dass sie oft am Brillenglas anstoßen. Deswegen bevorzuge ich konvexe Gläser. Kurzerhand gerieben und gezupft, was das Zeug hält. Keine Chance. Irgendwann bin ich eingeschlafen. Der Juckteufel stand schon am Bett, als ich heute Morgen meine Lider öffnete. Also weitergerieben, weitergezupft. Und wie ich vorhin so in den Spiegel schaue, trifft mich fast der Schlag. Das Augenlid dick, am äußeren Augenrand keine Wimpern mehr. Ist dem Juckteufel aber schnurz. Der macht lustig weiter. Wenn das so weitergeht, gebe ich heute Abend die Ödipusnummer mit der Gabel. Verdammter Mist!
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Montag, 5. Juni 2006
Die musikalische Reise - Teil 17
frau klugscheisser, 23:15h
Seit gestern will sie nichts anderes, als stundenlang am Meer sitzen und die Eindrücke in sich aufzusaugen. Sita, die Zigeunerfrau hat ihr vergangene Nacht eine Tinktur gegeben, die sie in den Handflächen verrieb, bevor sie in einem kleinen Zelt neben dem Wohnwagen einschlief. Sie träumte von ihrem Professor. „Hab keine Angst“ sagte er „sie werden dich mögen“. Sie wusste nicht genau, wovon er sprach, sah ihn fragend an. „Es wird immer Menschen geben, die dich lieben.“ Vor ihr standen die Noten zum Präludium G-Dur BWV 884, das sie einst für die Aufnahmeprüfung zur Hochschule vorbereitete. Langsam begann sie zu begreifen, was er meinte. Ihr ganzes Leben rang sie um die Aufmerksamkeit und somit um die Liebe ihrer Eltern. Dieser Wunsch verselbständigte sich im Laufe der Jahre. Sie bildete sich ein, es wäre der Wunsch, Musik zu machen. Dabei vermengte ihr Kopf nur zwei voneinander unabhängige Bedürfnisse. Sein gütiger Blick ließ sie in Tränen ausbrechen. Als sie aufwacht, ist das Kissen nass vom Weinen. Es ist noch früh am Morgen. Von draußen dringt das Singen der Vögel herein, die den Morgen ankündigen. Sie schlüpft aus dem Nachtlager, zieht sich Pullover und Hose über und öffnet das Zelt, um ihr Gesicht der kühlen Morgenluft auszusetzen. Im Fenster des Wagens brennt nur die kleine Kerze, die Sita jeden Abend anzündet, um die Geister der Ahnen mild zu stimmen. Sie glaubt nicht an Geister und Rituale, die Tinktur scheint allerdings geholfen zu haben. Ihre Hände jucken nicht mehr so stark wie in den letzten Tagen. Sie schlüpft in die Schuhe vor dem Zelt und macht sich über einen Kiesweg auf in Richtung Küste. Das Rauschen der sich brechenden Wellen begrüßt sie wie eine alte Bekannte. „Meer, was hast Du mir heute zu erzählen?“ denkt sie beim Anblick der Wassermassen. Dann lässt sie sich auf einen flachen Stein nieder, der von manchen Wellen sanft liebkost wird. Es sind nur die kräftigen, die es bis hierher schaffen, die alles daran setzen zu scheinen, ihn, den stetigen Gefährten erreichen zu wollen. So muss wahre Freundschaft sein. Von Zeit zu Zeit berührt man sich gegenseitig. Das Wasser benetzt die Steinoberfläche, der Felsen gibt ein kleines Stück seiner Struktur den abfließenden Wellen mit. Sie bereichern sich gegenseitig und doch steht jeder für sich alleine. Dabei will das Meer den Stein nicht fließend und der Felsen das Nass nicht fest werden sehen. Wenn der Fels nicht wäre, gäbe es kein Hindernis, an dem sich die Wasseroberfläche kräuseln könnte. Der Fels wechselt an den nassen Stellen seine Farbe. Beide profitieren voneinander, ohne sich gegenseitig zu sehr anzupassen.
Laika springt plötzlich um sie herum und reißt sie aus ihrem Gedankenfluss. Das kleine Mädchen möchte ihre Aufmerksamkeit, greift ihre Hand und zerrt an ihr. Sie weiß nicht, wie lange sie dort gesessen hat. Die Sonne ist bereits aufgegangen und wärmt den Boden unter den nackten Füßen. Zeit für ein Frühstück bei den anderen. Als sie sich auf den Rückweg macht, läuft Leika immer ein kleines Stück vor ihr her, sich ungeduldig nach einigen Schritten zu ihr wendend, als wolle sie sie zum schnelleren Gehen auffordern. Vor dem Wohnwagen sieht sie einige Klappstühle und einen mit Plastiktellern und –tassen gedeckten Campingtisch. Der Duft von Kaffee dringt durch die salzige Luft bis in ihre Nase. Genau das braucht sie jetzt, eine heiße Tasse starken Kaffee. Sita steht in der offenen Türe. Sie winkt, als die beiden näher kommen. Während Laika im Wohnwagen verschwindet, tritt Sita neben den Stuhl, in den sie sich setzt, um den Kaffee vorsichtig aus der Kanne zu gießen. Der Satz darf dabei nicht in die Tasse. Wie sie geschlafen habe, fragt Sita und ob die Hände schon besser sind. Sie lächelt die Frau an. Beide verstehen sich wortlos. Man wolle sich heute Abend mit einigen anderen aus der Sippe treffen und morgen Richtung Spanien aufbrechen, ob sie mitkommen wolle. Ihr Ziel sei Galizien. Seit Jahrzehnten pilgere man von hier nach Santiago de Compostela. Natürlich wolle man die Strecke nicht auf einmal zurücklegen, sondern zwischendurch campieren. Natürlich will sie mit. Unwillkürlich fällt ihr die Agentur ein, ihre Konzerte und die anderen Kleinigkeiten. Sie wird heute telefonieren müssen. Was danach kommt, ist das, wonach sie sich so lange sehnte. Ein kleines Stück Freiheit, Zeit ohne Verpflichtung. Abgesehen von den Ferienreisen mit den Eltern war sie nie längere Zeit ohne Instrument unterwegs. Sie fragt, ob sie sich in irgendeiner Weise erkenntlich zeigen könne. Es gäbe genügend Aufgaben sagt Sita. Momentan fällt ihr nicht mehr ein, als sich um den Abwasch oder die Wäsche zu kümmern. Darum hat sie sich bisher immer erfolgreich gedrückt. Das sei nichts für ihre Hände, meinte ihre Mutter. Zu oft hatte sie Gläser zerbrochen und sich beinahe an den Scherben geschnitten. Da halfen auch keine Gummihandschuhe. Doch Sitas Blick fällt auf Laika, die inzwischen vor dem Wagen aus kleinen Kieseln Figuren auf dem Boden formt. Mit Kindern hatte sie bisher nicht allzu viel zu tun. Nicht ohne das Medium Musik. Sie konnte Kindern Klavierspielen beibringen, wusste darüber hinaus aber nichts mit ihnen anzufangen. Diese Familie ist so hilfsbereit zu ihr, dafür muss sie wohl ein größeres Opfer bringen. Sie kauert zu Laika auf den Boden und legt einen weiteren Stein in die bereits geformte Linie. Laika sieht kurz auf, dann fährt sie fort, die Steinchen in ihrer kindlichen Logik anzuordnen.
Am Nachmittag begleitet sie Aram und zwei weitere Männer ins Dorf. Auf dem Platz vor der Kirche wolle man für die Touristen singen. Das bringt immer ein wenig Geld und lässt sie nicht aus der Übung kommen. Sie läuft neben ihnen durch die verwinkelten Gassen zwischen alten Häusern. Anwohner sehen verstohlen aus den Fenstern, ziehen sich jedoch zurück, als sie zu ihnen hochschaut. Einige schließen gar die Fensterläden. Merkwürdig, wie die Leute reagieren, obwohl sie die Anwesenheit von Zigeunern gewöhnt sind. Einige Meter weiter sieht sie ein Postschild. Dort kann sie mit Sicherheit telefonieren. Sie betritt den kühlen abgedunkelten Raum. Ein Angestellter schaut sie abweisend an, als sie nach einem Telefon fragt. Man verweist sie auf eine freie Zelle. Die Glastüre schließt automatisch hinter ihr. Davor stecken die Angestellten die Köpfe zusammen und beginnen zu tuscheln. Sie kramt in ihrer Tasche nach der Nummer der Agentur. Nach kurzem Läuten meldet sich eine Stimme. Sie nennt ihren Namen. Nein, sie wolle nicht durchgestellt werden, nur Bescheid geben, dass sie krank sei. Ob sie die Verpflichtungen der nächsten Wochen wahrnehmen könne, wisse sie noch nicht. Dann legt sie schnell auf, bevor sie von weiteren Fragen zu lügen genötigt wird. An der Kasse bezahlt sie das Gespräch mit ein paar Münzen und verlässt schnell diesen ungastlichen Ort. Auf dem Weg zum Kirchplatz spürt sie plötzlich Laika neben sich, die ihre Hand greift. Sie weiß nicht, ob das Mädchen von ihrer Mutter bereits vermisst wird, ob sie sie zurückbringen oder einfach weitergehen soll. Wahrscheinlich macht sie sich viel zu viele Gedanken. Sita wird wissen, dass das Kind bei ihr ist. Schließlich ist das ihre neue Aufgabe. Die kleine staubige Hand fügt sich in ihre raue Innenfläche wie der Stein, den sie morgens gedankenverloren aus dem Wasser fischte. Sie holt ihn aus der Hosentasche und gibt ihn dem Mädchen. Die kleine Hand schließt sich um ihn wie die große um die kleine Hand. Langsam beginnt sie zu begreifen. Es geht nicht darum, ob sie glaubt, etwas zu können. Es geht einzig darum, zu vertrauen, dem Mädchen, der Mutter, sich. Solange etwas in guter Absicht geschieht, existieren Fehler nicht. Es ist nicht wie auf einem Notenblatt, wo falsche Töne zerstören, keine Entscheidung zwischen schwarzen oder weißen Tasten. Es ist die Musik, die im Augenblick des Erklingens erst erschaffen wird. Sie drückt die kleine Hand ein wenig. Laika schaut aus dunklen Augen fragend zu ihr auf. Sie kann es nicht erklären. In diesem Moment spürt sie, wie sich die Wärme um ihr Herz legt und es umspült wie die Wellen den Stein.
Laika springt plötzlich um sie herum und reißt sie aus ihrem Gedankenfluss. Das kleine Mädchen möchte ihre Aufmerksamkeit, greift ihre Hand und zerrt an ihr. Sie weiß nicht, wie lange sie dort gesessen hat. Die Sonne ist bereits aufgegangen und wärmt den Boden unter den nackten Füßen. Zeit für ein Frühstück bei den anderen. Als sie sich auf den Rückweg macht, läuft Leika immer ein kleines Stück vor ihr her, sich ungeduldig nach einigen Schritten zu ihr wendend, als wolle sie sie zum schnelleren Gehen auffordern. Vor dem Wohnwagen sieht sie einige Klappstühle und einen mit Plastiktellern und –tassen gedeckten Campingtisch. Der Duft von Kaffee dringt durch die salzige Luft bis in ihre Nase. Genau das braucht sie jetzt, eine heiße Tasse starken Kaffee. Sita steht in der offenen Türe. Sie winkt, als die beiden näher kommen. Während Laika im Wohnwagen verschwindet, tritt Sita neben den Stuhl, in den sie sich setzt, um den Kaffee vorsichtig aus der Kanne zu gießen. Der Satz darf dabei nicht in die Tasse. Wie sie geschlafen habe, fragt Sita und ob die Hände schon besser sind. Sie lächelt die Frau an. Beide verstehen sich wortlos. Man wolle sich heute Abend mit einigen anderen aus der Sippe treffen und morgen Richtung Spanien aufbrechen, ob sie mitkommen wolle. Ihr Ziel sei Galizien. Seit Jahrzehnten pilgere man von hier nach Santiago de Compostela. Natürlich wolle man die Strecke nicht auf einmal zurücklegen, sondern zwischendurch campieren. Natürlich will sie mit. Unwillkürlich fällt ihr die Agentur ein, ihre Konzerte und die anderen Kleinigkeiten. Sie wird heute telefonieren müssen. Was danach kommt, ist das, wonach sie sich so lange sehnte. Ein kleines Stück Freiheit, Zeit ohne Verpflichtung. Abgesehen von den Ferienreisen mit den Eltern war sie nie längere Zeit ohne Instrument unterwegs. Sie fragt, ob sie sich in irgendeiner Weise erkenntlich zeigen könne. Es gäbe genügend Aufgaben sagt Sita. Momentan fällt ihr nicht mehr ein, als sich um den Abwasch oder die Wäsche zu kümmern. Darum hat sie sich bisher immer erfolgreich gedrückt. Das sei nichts für ihre Hände, meinte ihre Mutter. Zu oft hatte sie Gläser zerbrochen und sich beinahe an den Scherben geschnitten. Da halfen auch keine Gummihandschuhe. Doch Sitas Blick fällt auf Laika, die inzwischen vor dem Wagen aus kleinen Kieseln Figuren auf dem Boden formt. Mit Kindern hatte sie bisher nicht allzu viel zu tun. Nicht ohne das Medium Musik. Sie konnte Kindern Klavierspielen beibringen, wusste darüber hinaus aber nichts mit ihnen anzufangen. Diese Familie ist so hilfsbereit zu ihr, dafür muss sie wohl ein größeres Opfer bringen. Sie kauert zu Laika auf den Boden und legt einen weiteren Stein in die bereits geformte Linie. Laika sieht kurz auf, dann fährt sie fort, die Steinchen in ihrer kindlichen Logik anzuordnen.
Am Nachmittag begleitet sie Aram und zwei weitere Männer ins Dorf. Auf dem Platz vor der Kirche wolle man für die Touristen singen. Das bringt immer ein wenig Geld und lässt sie nicht aus der Übung kommen. Sie läuft neben ihnen durch die verwinkelten Gassen zwischen alten Häusern. Anwohner sehen verstohlen aus den Fenstern, ziehen sich jedoch zurück, als sie zu ihnen hochschaut. Einige schließen gar die Fensterläden. Merkwürdig, wie die Leute reagieren, obwohl sie die Anwesenheit von Zigeunern gewöhnt sind. Einige Meter weiter sieht sie ein Postschild. Dort kann sie mit Sicherheit telefonieren. Sie betritt den kühlen abgedunkelten Raum. Ein Angestellter schaut sie abweisend an, als sie nach einem Telefon fragt. Man verweist sie auf eine freie Zelle. Die Glastüre schließt automatisch hinter ihr. Davor stecken die Angestellten die Köpfe zusammen und beginnen zu tuscheln. Sie kramt in ihrer Tasche nach der Nummer der Agentur. Nach kurzem Läuten meldet sich eine Stimme. Sie nennt ihren Namen. Nein, sie wolle nicht durchgestellt werden, nur Bescheid geben, dass sie krank sei. Ob sie die Verpflichtungen der nächsten Wochen wahrnehmen könne, wisse sie noch nicht. Dann legt sie schnell auf, bevor sie von weiteren Fragen zu lügen genötigt wird. An der Kasse bezahlt sie das Gespräch mit ein paar Münzen und verlässt schnell diesen ungastlichen Ort. Auf dem Weg zum Kirchplatz spürt sie plötzlich Laika neben sich, die ihre Hand greift. Sie weiß nicht, ob das Mädchen von ihrer Mutter bereits vermisst wird, ob sie sie zurückbringen oder einfach weitergehen soll. Wahrscheinlich macht sie sich viel zu viele Gedanken. Sita wird wissen, dass das Kind bei ihr ist. Schließlich ist das ihre neue Aufgabe. Die kleine staubige Hand fügt sich in ihre raue Innenfläche wie der Stein, den sie morgens gedankenverloren aus dem Wasser fischte. Sie holt ihn aus der Hosentasche und gibt ihn dem Mädchen. Die kleine Hand schließt sich um ihn wie die große um die kleine Hand. Langsam beginnt sie zu begreifen. Es geht nicht darum, ob sie glaubt, etwas zu können. Es geht einzig darum, zu vertrauen, dem Mädchen, der Mutter, sich. Solange etwas in guter Absicht geschieht, existieren Fehler nicht. Es ist nicht wie auf einem Notenblatt, wo falsche Töne zerstören, keine Entscheidung zwischen schwarzen oder weißen Tasten. Es ist die Musik, die im Augenblick des Erklingens erst erschaffen wird. Sie drückt die kleine Hand ein wenig. Laika schaut aus dunklen Augen fragend zu ihr auf. Sie kann es nicht erklären. In diesem Moment spürt sie, wie sich die Wärme um ihr Herz legt und es umspült wie die Wellen den Stein.
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It's not wise to upset a Wookiee
frau klugscheisser, 17:10h
Meine Oma sagte immer, ich darf Kaugummis nicht schlucken, sonst würde der Magen verkleben. Sehr schnell fand ich heraus, dass das nicht stimmte. Die Kaugummis kamen nämlich als Ganzes hinten wieder raus. Nicht dass ich danach gesucht hätte, ich hab das einfach gesehen, weil meine Oma mir auch beibrachte, dass man nach dem Spülen in die Toilettenschüssel schaut, um sicherzugehen, dass auch alles verschwunden ist. Genauso verhält es sich übrigens mit Mais oder anderen Speisen. Im Biologieunterricht lernte ich zudem, dass Urin bei Diabetes nach „Mäusen“ rieche. Wie die kleinen Nager riechen, wusste ich nicht, war aber der festen Überzeugung, zuckerkrank zu sein, nachdem ich Spargel gegessen hatte. Übrigens riecht nicht jeder Urin typisch nach Verzehr von Spargel. Bei manchen Menschen bleibt das Wässerchen geruchsneutral. Das aber nur am Rande.
Ich schluckte auch weiterhin Kaugummis. Meistens brauchte ich durchschnittlich so zehn Minuten, um ein ganzes Päckchen Kaugummis zu essen. Meine Lieblingssorte war Hubba Bubba. Nach etwa zwei Minuten schmeckten die aber nicht mehr nach Erdbeere oder Zitrone, also schob ich einen zweiten nach. Beim dritten schmerzte bereits die Kiefermuskulatur. Ich schluckte den Bollen und steckte mir einen neuen hinterher und so fort. Blöd war nur, dass ich trotzdem nach kurzer Zeit schon wieder Hunger hatte. Wenn man Kaugummis mit Minzgeschmack kaut, hat alles, was man hinterher isst oder trinkt einen Minzegeschmack, selbst wenn der Kaugummi schon lange im Verdauungstrakt gelandet ist. Deswegen mag ich keine Kaugummis mit Minze. Die Zuckerfreien sind auch nicht besser, denn mit denen kann man keine großen Blasen machen. Während man andere bis zu einem Durchmesser des eigenen Kopfes aufblasen kann (liebe Kinder, bitte nicht nachmachen), bringt man mit zuckerfreien Sorten maximal eine Blase mit dem Durchmesser eines Maiskornes zustande und das auch nur mit viel Übung. Unklar ist mir bis heute auch, wie man Kaugummi mit geschlossenem Mund kauen kann. Früher dachte ich immer, Kaugummis kaue man hauptsächlich, um damit Schmatzgeräusche zu erzeugen. Später war ich der Meinung, man kaue Kaugummis, um unliebsame Speisereste aus den Zahnzwischenräumen zu entfernen. Der Siegeszug der Zahnseide über den Globus war erst am Anfang. Wenn sich solch ein Partikel in den Kaugummi einmal eingearbeitet hatte, musste man den unweigerlich schlucken, da das Speiseüberbleibsel eine ordentliche Blasenbildung verhinderte. Blasenbildung ist für eine gesunde Entwicklung in der Sozialisation sehr wichtig. Die primären (oder auch sekundären) Geschlechtsorgane sind noch ziemlich unterentwickelt, folglich vergleichen Schüler, wer die größeren Blasen machen kann. Nach dem Platzen zieht man dann die Reste vom Gesicht und hofft, dass die Haare verschont blieben. Wer einmal Kaugummi im langen Haar hatte, weiß was ich meine. Kürzlich sah ich ein Bild von Giulia Siegel (nein, die muss man nicht kennen), deren Gesicht vollständig von den Fetzen einer Kaugummiblase verklebt war. Schon blöd so was, zumal auch Kosmetika die Qualität des Kaugummis nicht unbedingt verbessern. Wahrscheinlich hat sie ihn hinterher schlucken müssen. Ob so ein Kaugummi die Peelingmaske ersetzen kann?
Gerne erinnere ich mich auch noch an die Kaugummiautomaten, die man mit fünf Pfennig Stücken fütterte und die farbige Kaugummikugeln ausspuckten. Die wurden später von Zigarettenautomaten an den Straßenecken abgelöst. Die Kugeln konnten mit dem Bügeleisen sehr schön in Kleidertaschen eingearbeitet werden. Die Farbe war noch von außen zu erkennen. Nicht unbedingt ein Quell der Freude für unkreative Mütter. Nach einigen Versuchen wurde kurzerhand das Taschengeld gestrichen. Inzwischen esse ich kaum noch Kaugummis. Beim Versuch mit einer Nicotinelle wurde ich den Geschmack einen ganzen Tag nicht mehr los. Wenn es wenigstens ein angenehmer Geschmack wäre, hätte ich dagegen auch nichts einzuwenden. Tatsächlich kratzt dieser Inhaltsstoff aber im Hals und bedeckt die Geschmacksknospen mit einem dauerhaften Schleier. Möglicherweise werden dadurch auch Synapsen blockiert. Nicotinellen als geschmackliche Beta-Blocker, das käme den Menschen zugute, die gezwungen sind, sich in Ländern mit gewöhnungsbedürftiger regionaler Küche für längere Zeit aufzuhalten. Man könnte beispielsweise die Dinger bei der Einreise nach Großbritannien gewinnbringend verkaufen. Oder man füttert damit Kinder, bei denen – wie bei mir – Brechreiz beim Verzehr von Grießbrei ausgelöst wird. Manche Eltern tauchen Schnuller ja auch in Bier, damit die Kleinen besser schlafen.
Übrigens habe ich mir vor nicht allzu langer Zeit ein Schweizer Worldadapter gekauft. Das ist so ein zylinderförmiges Ding, wo die einzelnen Steckkombinationen durch einen Schiebemechanismus gewählt und ausgefahren werden können. Ein hochmodernes Teil also. Das Epiliergerät passt auch ganz hervorragend in die Ausgangsbuchse, nicht aber das Netzteil meines Laptopakkus. Der Rückschluss, Schweizer fänden demnach wichtiger, haarbefreit zu sein, als mit dem Rest der Welt in Verbindung zu treten, liegt nahe. Na ja, die Schweizer haben schon immer ihr eigenes Ding gemacht. Gibt es in der Schweiz eigentlich Kaugummi mit Schokigeschmack? Oder behelfen die sich mit Tobleroneresten? Diese Honigrudimente in Toblerone lassen sich nämlich ganz hervorragend zu Kaubonbons verarbeiten. Man nehme eine Tafel Toblerone und lutsche jedes einzelne Dreieck so lange, bis die einzelnen Honigteilchen übrig bleiben. Dann sammle man die und kaut sie zu einem großen Batzen zusammen. Blasen kann man damit allerdings nicht machen, es scheint jedoch ebenfalls verdauungsresistent zu sein. Will man nun Kaugummis wie Pflanzen klassifizieren, ist diese Eigenschaft sicherlich von großer Bedeutung, ebenso wie die Eignung zur Blasenbildung. Kaugummis und –bonbons gehören demnach derselben Gattung an. Nur in der Unterkategorie unterscheiden sie sich ein wenig. Kaugummis wachsen nicht auf Bäumen, sie wachsen auch nicht unterirdisch und werden nicht von Sträuchern geerntet. Meine Schlussfolgerung, dass Kaugummis dann wohl gelegt oder geboren werden, wurde leider zu Schulzeiten widerlegt. Die Erkenntnis dämmerte bei mir in etwa zeitgleich mit der Entdeckung des Christkind- und Osterhasenschwindels. Die einzigen Pflanzen, die ich danach noch züchtete, waren Orangen- und Zitronenbäumchen. Wenn man nämlich Orangenkerne schluckte, waren die ebenfalls verdauungsresistent. Die Kerne, die ich anpflanzte, entfernte ich jedoch schon vor dem Verzehr. Meine Fensterbankplantagen trugen leider nie Früchte. Deshalb setzte ich sie irgendwann enttäuscht auf einer Autobahnraststätte aus. Orangenbäumchenklappen gab es nämlich nicht und auch keine Orangenbäumchenheime. Hoffentlich hat sich eine gutherzige Familie ihrer angenommen.
Ich schluckte auch weiterhin Kaugummis. Meistens brauchte ich durchschnittlich so zehn Minuten, um ein ganzes Päckchen Kaugummis zu essen. Meine Lieblingssorte war Hubba Bubba. Nach etwa zwei Minuten schmeckten die aber nicht mehr nach Erdbeere oder Zitrone, also schob ich einen zweiten nach. Beim dritten schmerzte bereits die Kiefermuskulatur. Ich schluckte den Bollen und steckte mir einen neuen hinterher und so fort. Blöd war nur, dass ich trotzdem nach kurzer Zeit schon wieder Hunger hatte. Wenn man Kaugummis mit Minzgeschmack kaut, hat alles, was man hinterher isst oder trinkt einen Minzegeschmack, selbst wenn der Kaugummi schon lange im Verdauungstrakt gelandet ist. Deswegen mag ich keine Kaugummis mit Minze. Die Zuckerfreien sind auch nicht besser, denn mit denen kann man keine großen Blasen machen. Während man andere bis zu einem Durchmesser des eigenen Kopfes aufblasen kann (liebe Kinder, bitte nicht nachmachen), bringt man mit zuckerfreien Sorten maximal eine Blase mit dem Durchmesser eines Maiskornes zustande und das auch nur mit viel Übung. Unklar ist mir bis heute auch, wie man Kaugummi mit geschlossenem Mund kauen kann. Früher dachte ich immer, Kaugummis kaue man hauptsächlich, um damit Schmatzgeräusche zu erzeugen. Später war ich der Meinung, man kaue Kaugummis, um unliebsame Speisereste aus den Zahnzwischenräumen zu entfernen. Der Siegeszug der Zahnseide über den Globus war erst am Anfang. Wenn sich solch ein Partikel in den Kaugummi einmal eingearbeitet hatte, musste man den unweigerlich schlucken, da das Speiseüberbleibsel eine ordentliche Blasenbildung verhinderte. Blasenbildung ist für eine gesunde Entwicklung in der Sozialisation sehr wichtig. Die primären (oder auch sekundären) Geschlechtsorgane sind noch ziemlich unterentwickelt, folglich vergleichen Schüler, wer die größeren Blasen machen kann. Nach dem Platzen zieht man dann die Reste vom Gesicht und hofft, dass die Haare verschont blieben. Wer einmal Kaugummi im langen Haar hatte, weiß was ich meine. Kürzlich sah ich ein Bild von Giulia Siegel (nein, die muss man nicht kennen), deren Gesicht vollständig von den Fetzen einer Kaugummiblase verklebt war. Schon blöd so was, zumal auch Kosmetika die Qualität des Kaugummis nicht unbedingt verbessern. Wahrscheinlich hat sie ihn hinterher schlucken müssen. Ob so ein Kaugummi die Peelingmaske ersetzen kann?
Gerne erinnere ich mich auch noch an die Kaugummiautomaten, die man mit fünf Pfennig Stücken fütterte und die farbige Kaugummikugeln ausspuckten. Die wurden später von Zigarettenautomaten an den Straßenecken abgelöst. Die Kugeln konnten mit dem Bügeleisen sehr schön in Kleidertaschen eingearbeitet werden. Die Farbe war noch von außen zu erkennen. Nicht unbedingt ein Quell der Freude für unkreative Mütter. Nach einigen Versuchen wurde kurzerhand das Taschengeld gestrichen. Inzwischen esse ich kaum noch Kaugummis. Beim Versuch mit einer Nicotinelle wurde ich den Geschmack einen ganzen Tag nicht mehr los. Wenn es wenigstens ein angenehmer Geschmack wäre, hätte ich dagegen auch nichts einzuwenden. Tatsächlich kratzt dieser Inhaltsstoff aber im Hals und bedeckt die Geschmacksknospen mit einem dauerhaften Schleier. Möglicherweise werden dadurch auch Synapsen blockiert. Nicotinellen als geschmackliche Beta-Blocker, das käme den Menschen zugute, die gezwungen sind, sich in Ländern mit gewöhnungsbedürftiger regionaler Küche für längere Zeit aufzuhalten. Man könnte beispielsweise die Dinger bei der Einreise nach Großbritannien gewinnbringend verkaufen. Oder man füttert damit Kinder, bei denen – wie bei mir – Brechreiz beim Verzehr von Grießbrei ausgelöst wird. Manche Eltern tauchen Schnuller ja auch in Bier, damit die Kleinen besser schlafen.
Übrigens habe ich mir vor nicht allzu langer Zeit ein Schweizer Worldadapter gekauft. Das ist so ein zylinderförmiges Ding, wo die einzelnen Steckkombinationen durch einen Schiebemechanismus gewählt und ausgefahren werden können. Ein hochmodernes Teil also. Das Epiliergerät passt auch ganz hervorragend in die Ausgangsbuchse, nicht aber das Netzteil meines Laptopakkus. Der Rückschluss, Schweizer fänden demnach wichtiger, haarbefreit zu sein, als mit dem Rest der Welt in Verbindung zu treten, liegt nahe. Na ja, die Schweizer haben schon immer ihr eigenes Ding gemacht. Gibt es in der Schweiz eigentlich Kaugummi mit Schokigeschmack? Oder behelfen die sich mit Tobleroneresten? Diese Honigrudimente in Toblerone lassen sich nämlich ganz hervorragend zu Kaubonbons verarbeiten. Man nehme eine Tafel Toblerone und lutsche jedes einzelne Dreieck so lange, bis die einzelnen Honigteilchen übrig bleiben. Dann sammle man die und kaut sie zu einem großen Batzen zusammen. Blasen kann man damit allerdings nicht machen, es scheint jedoch ebenfalls verdauungsresistent zu sein. Will man nun Kaugummis wie Pflanzen klassifizieren, ist diese Eigenschaft sicherlich von großer Bedeutung, ebenso wie die Eignung zur Blasenbildung. Kaugummis und –bonbons gehören demnach derselben Gattung an. Nur in der Unterkategorie unterscheiden sie sich ein wenig. Kaugummis wachsen nicht auf Bäumen, sie wachsen auch nicht unterirdisch und werden nicht von Sträuchern geerntet. Meine Schlussfolgerung, dass Kaugummis dann wohl gelegt oder geboren werden, wurde leider zu Schulzeiten widerlegt. Die Erkenntnis dämmerte bei mir in etwa zeitgleich mit der Entdeckung des Christkind- und Osterhasenschwindels. Die einzigen Pflanzen, die ich danach noch züchtete, waren Orangen- und Zitronenbäumchen. Wenn man nämlich Orangenkerne schluckte, waren die ebenfalls verdauungsresistent. Die Kerne, die ich anpflanzte, entfernte ich jedoch schon vor dem Verzehr. Meine Fensterbankplantagen trugen leider nie Früchte. Deshalb setzte ich sie irgendwann enttäuscht auf einer Autobahnraststätte aus. Orangenbäumchenklappen gab es nämlich nicht und auch keine Orangenbäumchenheime. Hoffentlich hat sich eine gutherzige Familie ihrer angenommen.
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Samstag, 3. Juni 2006
Die musikalische Reise - Teil 16
frau klugscheisser, 02:37h
Der Zug fährt in die Nacht. Sie zieht die Beine an und rollt sich auf einem der Sitze zusammen. Ihre Schultertasche legt sie unter den Kopf. Dennoch schläft sie nicht, nickt nur ab und zu kurz ein. Immer wieder schreckt sie hoch, weil sie glaubt, jemand stünde vor ihr. In der kleinen Tasche sind all ihre persönlichen Habseligkeiten. Die große Tasche liegt oben auf der Gepäckablage. So vergehen Stunden im Echo des gleichmäßigen Schienengemurmels, das zwischendurch von Weichenrülpsern unterbrochen wird. Draußen beginnt allmählich der neue Tag. Das Morgenlicht gebiert Farben, die die Dunkelheit jeden Abend aufs Neue schluckt. Wiesen und Wälder ziehen im Eiltempo am Fenster vorbei, werden zum Band ohne Muster. Sie hat beschlossen, in Avignon umzusteigen, um anschließend direkt über Arles nach Stes-Marie-de-la-Mer zu fahren. Mit diesem Ort verbindet sie eine vage Kindheitserinnerung an eine Serie* über zwei Zigeunermädchen, die sich auf den Weg machen, ihre Eltern zu finden. In einer Folge findet Pimmi – die jüngere – einen alten Schlüssel, der zum Tor eines geheimnisvollen Gartens passt. Diesen Schlüssel sucht sie selbst heute noch. Als Kind hatte sie viel Phantasie, lebte in einer selbstkreierten Welt, die für Erwachsene unsichtbar war. Die Mutter unterbrach solche Episoden jäh, indem sie sie an ihre Pflichten erinnerte. Manchmal hasste sie ihre Mutter dafür. Dann wollte sie – wie alle Kinder – ausreißen, einfach wegrennen und ihre Freiheiten genießen. Sie konnte es kaum erwarten, endlich älter zu werden, damit ihr keiner mehr vorschreiben kann, was sie zu tun hat. Dass es anders kommen würde, wusste sie damals noch nicht. Sie träumte von dem verborgenen Zaubergarten und davon, unsichtbar zu sein. Die Zigeunermädchen finden sich für das Fest der schwarzen Madonna in Stes-Marie ein, um ihre Sippe zu treffen. Jedes Jahr treffen sich dort Zigeuner aus ganz Europa. Einst durften sie bleiben, weil sie behaupteten, sie befänden sich auf einer Pilgerfahrt nach Spanien und durften deswegen auch betteln. Ein Mythos besagt, dass an diesem Ort ein Schiff mit diversen Marias (u.a. Maria Magdalena), Lazarus, seiner Schwester Martha und der Dienerin Sarah gelandet sein soll. Zwei der heiligen Marien – Maria Jakoba, die Schwester der Jungfrau Maria und Maria Salome, die Mutter von Johannes –starben aufgrund körperlicher Schwäche. Fast zur selben Zeit folgte Sarah. Zuvor hatten sie einen Altar errichtet, der vermutlich Grundstein für die Kirche war, unter der man mehr als tausend Jahre später Gebeine fand. Die Zigeuner ernannten Sarah zu ihrer Schutzpatronin und tragen jedes Jahr Ende Mai ihre Statue durchs Dorf, um sie am Abend auf einem Floß ins Meer zu schicken.
Auf dem Bahnhof hat die Hektik des Tages noch nicht begonnen. Sie nimmt ihre Tasche und sucht die Busstation. Von hier sind es nur noch 45 Kilometer bis zum Ort am Meer. Ungewaschen und zerknautscht fühlt sie sich fast ein wenig wie eine Zigeunerin. Sie weiß, dass dieses Völkchen bei Einheimischen nicht sehr beliebt ist, weil man fürchtet, bestohlen zu werden. Dabei sind Zigeuner stolze Menschen, in deren Tradition Ehre von zentraler Bedeutung ist. Der Begriff „Zigeuner“ ist politisch nicht korrekt, das weiß sie. Dennoch denkt sie ihn, selbst wenn sie „Sinti und Roma“ sagt. Die Menschen haben eine jahrtausendwährende Reise von Indien bis Europa hinter sich, damals in Kutschen oder zu Fuß, heute in großen Karosserien mit Wohnwägen. Sie wurden beschimpft, vertrieben oder getötet, man gab ihnen die Schuld an Krankheiten und Unglück, verfolgte sie und versuchte sie auszurotten. Ein Schicksal, das sie mit einigen anderen Randgruppen teilen. Aus unerfindlichen Gründen fühlt sie sich von diesen Menschen magisch angezogen. Der Bus wird erst in einer Stunde abfahren. Sie hat kaum mehr Bargeld, nur eine Scheckkarte in der Tasche und eine Geheimzahl im Gedächtnis. Am Rand des Platzes sitzen zwei dunkelhäutige Männer auf Gitarren zupfend zwischen Gepäcksstücken. Eine Frau summt leise die Melodie einer alten Weise. Zwischen ihnen springt ein Kind von einem zum anderen. Sie geht auf die Gruppe zu und spricht die Frau auf französisch an. Nein, sie wisse nicht, wo sich ein Bankautomat befinde. Man warte auf einen Verwandten, der alle abhole. Wenn sie wolle, könne sie bis Stes-Maries mitfahren. Man reicht ihr eine Flasche Wasser. Dankbar nimmt sie die Flasche und einen großen Schluck daraus. Eine Weile plaudert sie und lauscht der Musik, bis plötzlich ein alter Mercedes vor ihnen hält. Das Auto erscheint ihr zu klein für fünf Personen, zumal die Gepäcksstücke einen nicht unerheblichen Raum einnehmen. Der Fahrer bindet sie kurzerhand auf den Dachträger, sie rutscht mit der Frau, deren Mann und Kind auf die Hinterbank und schließt vorsichtig die Türe. Auf der Fahrt durch die Camargue bestaunt sie die wilde Landschaft, die sich vor ihr eröffnet. Man wolle noch einen kleinen Abstecher zur Verwandtschaft in Albaron machen. Sie nickt kurz, obwohl ihr das nicht besonders angenehm ist. Schließlich will sie die Freundlichkeit der Fremden nicht überstrapazieren. Der Wagen biegt kurzerhand in eine kleine Gasse des besagten Ortes ein und hält vor einem kleinen Häuschen. Man begrüßt sie genauso herzlich wie die Familienmitglieder. Langsam wird ihr klar, dass der Begriff Familie nicht im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr als Ausdruck von Stammeszugehörigkeit gebraucht wird. Der gereichte Kaffee schmeckt bitter. Gleichzeitig weckt er ihren von der langen Bahnfahrt zermürbten Körper auf und lässt sie in der Gegenwart ankommen. Sie könne in Stes-Maries bei der Familie bleiben, müsse sich kein Zimmer nehmen, man habe genügend Platz für Gäste. Sie fühlt sich beinahe überwältigt von so viel Gastfreundschaft und nimmt das Angebot dankend an. Dann machen sich alle wieder auf den Weg. Im Wagen sitzen die beiden Frauen nebeneinander. Plötzlich greift die Fremde nach ihrer Hand, dreht die Handflächen nach oben und betrachtet den Ausschlag. Erst will sie die Hand instinktiv wegziehen, doch erinnert sie sich an überliefertes Wissen, das in diesen Kreisen immer noch Anwendung findet. Vielleicht kennt die Frau eine Salbe, die ihr gegen das Jucken helfen kann. Sie nickt kurz. Am Abend könne sie zu ihr kommen. Dann hätte sie die Kräutertinktur vorbereitet.
Der Wagen biegt in die Einfahrt eines Campingplatzes direkt am Meer ein. Sie kann bereits die salzige Luft durch das geöffnete Seitenfenster riechen. Jetzt möchte sie nur noch ihre Tasche abstellen und dann schnell zum Wasser laufen. Das Meer hat sie hierher gelockt. Sie will es an den nackten Füßen spüren, will mit den Zehen zwischen kleinen Kieseln graben und so lange in den Horizont starren, bis sie dessen Ende zu sehen glaubt. Zum ersten Mal seit langem hat sie das Gefühl, angekommen zu sein.
*Mond Mond Mond
Auf dem Bahnhof hat die Hektik des Tages noch nicht begonnen. Sie nimmt ihre Tasche und sucht die Busstation. Von hier sind es nur noch 45 Kilometer bis zum Ort am Meer. Ungewaschen und zerknautscht fühlt sie sich fast ein wenig wie eine Zigeunerin. Sie weiß, dass dieses Völkchen bei Einheimischen nicht sehr beliebt ist, weil man fürchtet, bestohlen zu werden. Dabei sind Zigeuner stolze Menschen, in deren Tradition Ehre von zentraler Bedeutung ist. Der Begriff „Zigeuner“ ist politisch nicht korrekt, das weiß sie. Dennoch denkt sie ihn, selbst wenn sie „Sinti und Roma“ sagt. Die Menschen haben eine jahrtausendwährende Reise von Indien bis Europa hinter sich, damals in Kutschen oder zu Fuß, heute in großen Karosserien mit Wohnwägen. Sie wurden beschimpft, vertrieben oder getötet, man gab ihnen die Schuld an Krankheiten und Unglück, verfolgte sie und versuchte sie auszurotten. Ein Schicksal, das sie mit einigen anderen Randgruppen teilen. Aus unerfindlichen Gründen fühlt sie sich von diesen Menschen magisch angezogen. Der Bus wird erst in einer Stunde abfahren. Sie hat kaum mehr Bargeld, nur eine Scheckkarte in der Tasche und eine Geheimzahl im Gedächtnis. Am Rand des Platzes sitzen zwei dunkelhäutige Männer auf Gitarren zupfend zwischen Gepäcksstücken. Eine Frau summt leise die Melodie einer alten Weise. Zwischen ihnen springt ein Kind von einem zum anderen. Sie geht auf die Gruppe zu und spricht die Frau auf französisch an. Nein, sie wisse nicht, wo sich ein Bankautomat befinde. Man warte auf einen Verwandten, der alle abhole. Wenn sie wolle, könne sie bis Stes-Maries mitfahren. Man reicht ihr eine Flasche Wasser. Dankbar nimmt sie die Flasche und einen großen Schluck daraus. Eine Weile plaudert sie und lauscht der Musik, bis plötzlich ein alter Mercedes vor ihnen hält. Das Auto erscheint ihr zu klein für fünf Personen, zumal die Gepäcksstücke einen nicht unerheblichen Raum einnehmen. Der Fahrer bindet sie kurzerhand auf den Dachträger, sie rutscht mit der Frau, deren Mann und Kind auf die Hinterbank und schließt vorsichtig die Türe. Auf der Fahrt durch die Camargue bestaunt sie die wilde Landschaft, die sich vor ihr eröffnet. Man wolle noch einen kleinen Abstecher zur Verwandtschaft in Albaron machen. Sie nickt kurz, obwohl ihr das nicht besonders angenehm ist. Schließlich will sie die Freundlichkeit der Fremden nicht überstrapazieren. Der Wagen biegt kurzerhand in eine kleine Gasse des besagten Ortes ein und hält vor einem kleinen Häuschen. Man begrüßt sie genauso herzlich wie die Familienmitglieder. Langsam wird ihr klar, dass der Begriff Familie nicht im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr als Ausdruck von Stammeszugehörigkeit gebraucht wird. Der gereichte Kaffee schmeckt bitter. Gleichzeitig weckt er ihren von der langen Bahnfahrt zermürbten Körper auf und lässt sie in der Gegenwart ankommen. Sie könne in Stes-Maries bei der Familie bleiben, müsse sich kein Zimmer nehmen, man habe genügend Platz für Gäste. Sie fühlt sich beinahe überwältigt von so viel Gastfreundschaft und nimmt das Angebot dankend an. Dann machen sich alle wieder auf den Weg. Im Wagen sitzen die beiden Frauen nebeneinander. Plötzlich greift die Fremde nach ihrer Hand, dreht die Handflächen nach oben und betrachtet den Ausschlag. Erst will sie die Hand instinktiv wegziehen, doch erinnert sie sich an überliefertes Wissen, das in diesen Kreisen immer noch Anwendung findet. Vielleicht kennt die Frau eine Salbe, die ihr gegen das Jucken helfen kann. Sie nickt kurz. Am Abend könne sie zu ihr kommen. Dann hätte sie die Kräutertinktur vorbereitet.
Der Wagen biegt in die Einfahrt eines Campingplatzes direkt am Meer ein. Sie kann bereits die salzige Luft durch das geöffnete Seitenfenster riechen. Jetzt möchte sie nur noch ihre Tasche abstellen und dann schnell zum Wasser laufen. Das Meer hat sie hierher gelockt. Sie will es an den nackten Füßen spüren, will mit den Zehen zwischen kleinen Kieseln graben und so lange in den Horizont starren, bis sie dessen Ende zu sehen glaubt. Zum ersten Mal seit langem hat sie das Gefühl, angekommen zu sein.
*Mond Mond Mond
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Freitag, 2. Juni 2006
Is anybody out there?
frau klugscheisser, 13:45h
Bin am Sonntag in Düsseldorf. Gibt´s dort Blogger, die an diesem Tag Zeit für eine Tasse Kaffee/Tee/Bier und ein nettes Gespräch hätten? Andernfalls arbeite ich mich durch den Bücherberg, der seit Monaten wächst.
Einfach Mailbutton links drücken. Bitte aber nicht alle auf einmal...
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Die musikalische Reise - Teil 15
frau klugscheisser, 04:25h
Am nächsten Morgen wacht sie früh auf. In der Küche klappert Geschirr. Stimmen sind gedämpft hörbar. Sie wartet, bis Ruhe eingekehrt ist, bevor sie aus dem Bett schlüpft und sich auf den Weg ins Badezimmer macht. Außer ihr ist niemand mehr da. Das heiße Wasser der Dusche läuft ihren nackten Körper hinab. Sie weiß nicht, wie lange sie so unter dem Strahl steht. Als sie sich abtrocknet, ist die Luft mit Wasserdampf verdichtet, der sich auf Kacheln und Spiegel niederschlägt. Eilig schlüpft sie in die bereitgelegte Kleidung, rubbelt ihr kurzes Haar trocken und begibt sich zurück in das Übernachtungszimmer, wo sie ihre Sachen packt. Dann nimmt sie die Schultertasche, steckt Geldbörse und einige Habseligkeiten hinein und macht sich auf den Weg nach draußen. Sie weiß nicht, was sie bis zur Beerdigung am Nachmittag anstellen soll. Im Schlossgarten dürfte um diese Tageszeit wenig los sein, ebenso auf der Königsstrasse – der Einkaufsmeile. Nachdem sie den Weg in die Stadtmitte zu Fuß zurücklegte, überquert sie die Königsstrasse in Richtung Rathausplatz. Die wenigen Fußgänger eilen zur U-Bahn oder in naheliegende Büros. Im Schwabenzentrum gibt es ein kleines Café namens Osho´s, ein Relikt aus der Zeit der Hippies und Bhagwanjünger. Tagsüber Kaffeehaus für Laufkundschaft, verwandelt es sich jeden Abend ab neun in eine Cocktailbar der gehobenen Klasse. Durch das große Fassadenfenster hat man einen guten Blick in den Innenraum, der lange in blau-orange gehalten war. Irgendwann kam einer auf die Idee, türkis für die Regalwände hinzuzufügen. Seitdem ähnelt die Bar eher einem Aquarium als einem Refugium für gestresste Manager und Tagesmütter. Früher war sie öfter hier. Einige Zeit hat sie dort während ihres Studiums gekellnert. Sie bediente nachts, um am Tag üben zu können. Geld hatte sie in dieser Zeit genug, es ging mehr um Spaß und den Umgang mit Menschen, der ihr durch die einsame Arbeit am Klavier fehlte. Und was für merkwürdige Gestalten sie dort traf. Gegen drei, wenn sich durchschnittliche Nachtschwärmer bereits auf dem Heimweg befanden – schließlich müsse man am nächsten Tag arbeiten – trudelten vereinzelt Taxifahrer ein, tranken einen schnellen Kaffee und machten den Zuhältern mit ihren Damen Platz, die im gegenüberliegenden Bohnenviertel ihre Wirkungsstätte hatten. Auch sie blieben nie lange, bestellten ein Getränk und bezahlten unter Zugabe eines stattlichen Trinkgeldes. So mancher Einsame suchte hier Zuflucht vor Verzweiflung und Dunkelheit. Man erzählte ihr Geschichten, sie hörte zu. Manches Mal stand sie mit der Kollegin in der kleinen Küche und kicherte gemeinsam über jene Erzählungen, während der Erzähler am Tresen sein Bierglas leerte. Oft trudelte um diese Uhrzeit auch die Belegschaft benachbarter Gaststätten ein. Man kannte sich untereinander. Viele suchen in der Gastronomie zunächst eine Nebenbeschäftigung, bis diese langsam die Hauptaufgabe verdrängt. So mancher Studienabbrecher bleibt für immer in der Gastronomie hängen. Sie empfand das Leben dieser Gestrandeten trauriger als die Anzugträger, die ihr mit leerem Gesichtsausdruck in öffentlichen Verkehrsmitteln gegenüber saßen. Das Ende der Schulzeit war gleichzeitig der Beginn eines neuen Lebens, oftmals innerhalb einer Universität. Im Bauch ungeduldig zitternd, das Herz überquellend vor Hoffnung, so gingen sie dem entgegen, woran ihre Eltern gescheitert waren. Sie wollten es besser machen, wollten anders sein. Dabei waren sie denen, die sie kritisierten, ähnlicher als sie es sich einzugestehen wagten.
Den Kaffee trinkt sie hastig. Danach bestellt sie ein Wasser. Sie wäre jetzt gerne weit weg, vielleicht am Meer, würde in die Wellen starren und Steine ins Wasser werfen. Stattdessen sitzt sie in diesem Moloch und wartet auf die Beisetzung ihres Mentors. Am liebsten würde sie sich davonstehlen. Wenn sie nicht hinginge, könnte sie so tun, als ob er noch am Leben wäre. Manchmal verstrichen einige Wochen, bis sie wieder mit ihm telefonierte, Monate bevor sie ihn traf. Das Ritual einer Beerdigung war der Abschluss des irdischen Lebens. Sie hat von Menschen gehört, die ihre Verwandten nicht beisetzen konnten, weil die Körper aus unterschiedlichen Gründen verschollen waren. Diese Menschen warteten angeblich ihr Leben lang auf die Rückkehr des Vermissten. Manchmal wurde dann das Begräbnis eines leeren Sarges arrangiert, nur um endlich Ruhe zu finden. Der Gedanke lässt sie schaudern. Dennoch möchte sie nicht auf diese Beerdigung. In ihrem Kopf formt sich diese Idee allmählich zu einem Entschluss. Eilig zahlt sie, verlässt das Café und läuft Richtung Hauptbahnhof. Für Ortsunkundige ist der Mercedesstern auf dem Turm des Bahnhofes Orientierungshilfe und Wegweiser zugleich. Am Schalter kauft sie ein Ticket für den Zug Richtung Frankreich. Sie will nach Avignon, dann vielleicht weiter nach St. Maries-de-la-mer oder Montpellier, später Perpignan oder gar über die spanische Grenze. Barcelona ist nicht mehr weit. Sie erinnert sich an eine Freundin, die in Toulouse wohnt. Dort könnte sie ebenfalls Halt machen. Im Grunde möchte sie einfach untertauchen, verschwinden, ohne jemandem Rechenschaft über ihr Tun ablegen zu müssen. Mit diesen Händen ist sowieso nicht an Konzertieren zu denken. Die Fahrkarte in ihrer Tasche erlaubt ihr eine kleine Flucht vor der Wirklichkeit. Als der Zug einfährt, schaut sie sich noch einmal um. Es ist nicht mehr ihr Stuttgart, das sie einst kannte. Sie fühlt sich fremd, hier und in ihrem Körper.
Puh, Halbzeit. Jetzt erst mal wieder unterwegs.
Den Kaffee trinkt sie hastig. Danach bestellt sie ein Wasser. Sie wäre jetzt gerne weit weg, vielleicht am Meer, würde in die Wellen starren und Steine ins Wasser werfen. Stattdessen sitzt sie in diesem Moloch und wartet auf die Beisetzung ihres Mentors. Am liebsten würde sie sich davonstehlen. Wenn sie nicht hinginge, könnte sie so tun, als ob er noch am Leben wäre. Manchmal verstrichen einige Wochen, bis sie wieder mit ihm telefonierte, Monate bevor sie ihn traf. Das Ritual einer Beerdigung war der Abschluss des irdischen Lebens. Sie hat von Menschen gehört, die ihre Verwandten nicht beisetzen konnten, weil die Körper aus unterschiedlichen Gründen verschollen waren. Diese Menschen warteten angeblich ihr Leben lang auf die Rückkehr des Vermissten. Manchmal wurde dann das Begräbnis eines leeren Sarges arrangiert, nur um endlich Ruhe zu finden. Der Gedanke lässt sie schaudern. Dennoch möchte sie nicht auf diese Beerdigung. In ihrem Kopf formt sich diese Idee allmählich zu einem Entschluss. Eilig zahlt sie, verlässt das Café und läuft Richtung Hauptbahnhof. Für Ortsunkundige ist der Mercedesstern auf dem Turm des Bahnhofes Orientierungshilfe und Wegweiser zugleich. Am Schalter kauft sie ein Ticket für den Zug Richtung Frankreich. Sie will nach Avignon, dann vielleicht weiter nach St. Maries-de-la-mer oder Montpellier, später Perpignan oder gar über die spanische Grenze. Barcelona ist nicht mehr weit. Sie erinnert sich an eine Freundin, die in Toulouse wohnt. Dort könnte sie ebenfalls Halt machen. Im Grunde möchte sie einfach untertauchen, verschwinden, ohne jemandem Rechenschaft über ihr Tun ablegen zu müssen. Mit diesen Händen ist sowieso nicht an Konzertieren zu denken. Die Fahrkarte in ihrer Tasche erlaubt ihr eine kleine Flucht vor der Wirklichkeit. Als der Zug einfährt, schaut sie sich noch einmal um. Es ist nicht mehr ihr Stuttgart, das sie einst kannte. Sie fühlt sich fremd, hier und in ihrem Körper.
Puh, Halbzeit. Jetzt erst mal wieder unterwegs.
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Freitag, 2. Juni 2006
frau klugscheisser, 01:57h
"Für jemanden, der Dich und Deinen Humor nicht kennt, klingt Dein Blog düster, melancholisch, mit einem Hang zum Selbstmitleid" oder so
Na toll...
Na toll...
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Die musikalische Reise - Teil 14
frau klugscheisser, 19:22h
Von Weitem hört sie ein schlurfendes Geräusch, als ob Sohlen über Kiesel schleifen. Der Mond erhellt das Plateau vor dem Teehaus. Sie sieht mehrere Gestalten paarweise angeordnet, erst ungenau, dann immer deutlicher. Es ist eine Gruppe Tänzer, die sich zu Tangomusik aus einem mittig platziertem Kassettenrekorder bewegen. Die Paare schieben leise, wiegen sich gleichmäßig in den Armen oder umschlingen Beine, kombinieren weite Ausfallschritte mit Drehungen des gespannten Körpers. Sie beobachtet den Reigen eine Weile fasziniert. Der Tango lamentiert seine Melancholie zu den Schritten hintergrundartig, fast nebensächlich, und doch fordernd. Keine Musik der Welt scheint ihr derzeit trauriger. Sie setzt sich auf den Mauerrand der Plattform und lässt den Blick über die Lichter der Großstadt schweifen. Bösartige Zungen behaupten, Stuttgart wäre die kleinste Großstadt Deutschlands. Ein wenig zu spießig, zu geordnet und erdrückend empfand sie die Stadt, als sie hier studierte. Im Sommer drückt die Hitze wie unter dem Deckel eines Kochtopfes. Kein Lüftchen bewegt sich in der Stadtmitte, die durch die umrandenden Erhebungen eingekesselt scheint. Auch dies eine Stadt der Hügel. Als sie sich wieder umdreht, ist die Musik erloschen, die Paare verschwunden. Da fällt ihr ein, dass sie die Bekannte anrufen muss, bei der sie heute und morgen übernachtet. Damals, als sie noch studierten, hatten sie hochtrabende Träume. Sie wollten Karriere als Musiker machen, die Freundin mit ihrer Geige. Man unterrichtete an Musikschulen, um sich das Studium zu finanzieren und spielte an Weihnachten oder zu Hochzeiten in Kirchen. Sie mochten es nicht besonders und taten es dennoch. Später bekam die Freundin ein Kind, heiratete einen Studenten der Luft- und Raumfahrttechnik und blieb beim Unterrichten hängen. Ab und zu spielt sie mit den anderen Lehrern Quartett oder in Amateurorchestern. Man müsse in Übung bleiben, sagte sie. Dabei hat ihr Spiel gewaltig an Qualität eingebüßt. Sie war nicht mehr bereit, Opfer zu bringen. Ob die Kommilitonin jetzt zufriedener als damals ist, bezweifelt sie. Nur um die Familie beneidet sie sie, das Heim, in das es sich zurückzukehren lohnt. Sie selbst hat nichts, wofür es sich heimzukehren lohnt. Die letzte Heimat war der Mensch, der morgen unter der Erde liegen wird.
Auf dem Weg in die Rosenbergstrasse ziehen Häuser wie Gedanken an ihr vorbei. Hier eine Fassade, dort ein Platz, mit dem sie Erinnerungen verbindet. Es ist wie ein anderes Leben, an das sie sich erinnert. Sie ist eine andere. Gedankenverloren reibt sie die Handflächen aneinander. Der Ausschlag ist schlimmer geworden, die Bläschen aufgeplatzt. An manchen Stellen bildet sich so etwas wie Hornhaut. Die Finger schmerzen, wenn sie sie biegt. Sie spürt die Angst in sich aufkeimen, nie wieder Klavier spielen zu können, schluckt sie dann aber schnell mit dem angesammelten Speichel hinunter. Nein, das kann, das darf nicht sein. Vermutlich handelt es sich nur um eine Reaktion auf die Ereignisse der letzten Tage. Sie hat ihren Körper im Griff, wird trotzdem spielen, wird dann eben eine neue Technik erlernen. Nicht umsonst sind körperlich benachteiligte Künstler besonders gut. Sie kompensieren den physischen Nachteil mit Disziplin und Willenskraft. Paul Wittgenstein, der einen Arm in Folge des Krieges verlor, beauftragte neben anderen Komponisten auch Ravel, ein Klavierkonzert für die linke Hand zu schreiben. Thomas Quasthoff schaffte es trotz Conterganschädigung in die oberste Liga international anerkannter Sänger. Michel Petrucciani spielte bis zu seinem Tod hervorragenden Jazz, obwohl er unter Glasknochenkrankheit litt. Die Beispiele sind vielfältig und ihre schmerzenden Hände kein Vergleich zu dem, was diese Personen ihr Leben lang zu überwinden hatten. Im Moment steht ihr der Sinn sowieso nicht nach Musizieren. Die Freundin wird sie bitten, ein oder zwei Sonaten zu begleiten, da ist ihr das kleine Handicap eine willkommene Ausrede. Fast hätte sie die Haltestelle verpasst. Sie springt auf, greift ihre Tasche und stürzt aus der offenen Bustüre. Von dort sind es nur noch ein paar Meter bis zur Wohnung der Bekannten. Es wartet ein spätes Abendessen mit einem Glas Rotwein und viele Kindergeschichten auf sie, die sie für eine günstige Bleibe in Kauf nimmt. Ab und zu wird sie nicken und den Zeitpunkt herbeisehnen, an dem die Bekannte zum ersten Mal gähnt. Die Mutter wird sich bald entschuldigen, da sie wegen des Kindes so früh aufstehen müsse. Die Logik hat sie noch nie verstanden. Ab einem gewissen Alter sind Kinder durchaus in der Lage, sich selbst zu versorgen. Sie war beim Ankleiden nicht lange auf die Hilfe ihrer eigenen Mutter angewiesen. Aber insgeheim wird sie froh sein, wenn ihr die Bekannte eine gute Nacht wünscht. Dann kann sie sich ungestört in ihre Gedankenwelt zurückziehen.
Auf dem Weg in die Rosenbergstrasse ziehen Häuser wie Gedanken an ihr vorbei. Hier eine Fassade, dort ein Platz, mit dem sie Erinnerungen verbindet. Es ist wie ein anderes Leben, an das sie sich erinnert. Sie ist eine andere. Gedankenverloren reibt sie die Handflächen aneinander. Der Ausschlag ist schlimmer geworden, die Bläschen aufgeplatzt. An manchen Stellen bildet sich so etwas wie Hornhaut. Die Finger schmerzen, wenn sie sie biegt. Sie spürt die Angst in sich aufkeimen, nie wieder Klavier spielen zu können, schluckt sie dann aber schnell mit dem angesammelten Speichel hinunter. Nein, das kann, das darf nicht sein. Vermutlich handelt es sich nur um eine Reaktion auf die Ereignisse der letzten Tage. Sie hat ihren Körper im Griff, wird trotzdem spielen, wird dann eben eine neue Technik erlernen. Nicht umsonst sind körperlich benachteiligte Künstler besonders gut. Sie kompensieren den physischen Nachteil mit Disziplin und Willenskraft. Paul Wittgenstein, der einen Arm in Folge des Krieges verlor, beauftragte neben anderen Komponisten auch Ravel, ein Klavierkonzert für die linke Hand zu schreiben. Thomas Quasthoff schaffte es trotz Conterganschädigung in die oberste Liga international anerkannter Sänger. Michel Petrucciani spielte bis zu seinem Tod hervorragenden Jazz, obwohl er unter Glasknochenkrankheit litt. Die Beispiele sind vielfältig und ihre schmerzenden Hände kein Vergleich zu dem, was diese Personen ihr Leben lang zu überwinden hatten. Im Moment steht ihr der Sinn sowieso nicht nach Musizieren. Die Freundin wird sie bitten, ein oder zwei Sonaten zu begleiten, da ist ihr das kleine Handicap eine willkommene Ausrede. Fast hätte sie die Haltestelle verpasst. Sie springt auf, greift ihre Tasche und stürzt aus der offenen Bustüre. Von dort sind es nur noch ein paar Meter bis zur Wohnung der Bekannten. Es wartet ein spätes Abendessen mit einem Glas Rotwein und viele Kindergeschichten auf sie, die sie für eine günstige Bleibe in Kauf nimmt. Ab und zu wird sie nicken und den Zeitpunkt herbeisehnen, an dem die Bekannte zum ersten Mal gähnt. Die Mutter wird sich bald entschuldigen, da sie wegen des Kindes so früh aufstehen müsse. Die Logik hat sie noch nie verstanden. Ab einem gewissen Alter sind Kinder durchaus in der Lage, sich selbst zu versorgen. Sie war beim Ankleiden nicht lange auf die Hilfe ihrer eigenen Mutter angewiesen. Aber insgeheim wird sie froh sein, wenn ihr die Bekannte eine gute Nacht wünscht. Dann kann sie sich ungestört in ihre Gedankenwelt zurückziehen.
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